Der sechzehnte Marathon meines Lebens.
Der Florenz-Marathon.
Der Florenz-Marathon findet jedes Jahr am letzten Sonntag im November statt und gab mir die Möglichkeit, einerseits meinen 29. Geburtstag nachzufeiern und andererseits den Temperaturen um den Gefrierpunkt in Deutschland zu entfliehen. Dabei wollte ich nur Samstag und Sonntag unterwegs sein. Die Reiseplanung sah vor, dass ich beim Marathon nicht allzu langsam laufen durfte, um rechtzeitig das Flugzeug für den Rückflug zu bekommen.
Tag 1:
Ich wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag von meinem Wecker um 3:30 Uhr geweckt, stand auf und frühstückte. Ich packte dann meine Tasche, welche mein Handgepäck darstellte. Einen weiteren Koffer hatte ich nicht vorgesehen. Gegen 4:40 Uhr verließ ich das Haus, wobei ich nur mit einer dünnen Jacke bekleidet war. In Florenz sollte es um die 17°C werden.
Ich fuhr mit der Straßenbahn zur Domsheide und von dort aus weiter zum Flughafen. Hier musste ich feststellen, dass meine Armbanduhr kaputt war. Der Sekundenzeiger kam an einigen Stellen zeitweise nicht vorwärts. Damit war für mich klar, dass ich während des Marathons keine Information über meine Geschwindigkeit bekommen würde. Ich ließ mir am Air-France-Schalter das Ticket ausdrucken. Um 6:30 Uhr startete das Flugzeug nach Paris, wo ich noch vor acht Uhr am Charles-de-Gaulle-Airport ankam. Da ich nur mein Handgepäck bei mir hatte, konnte ich mich sofort auf den Weg zum anderen Terminal machen. Dafür musste ich einen Bus besteigen, welcher mich in etwa zehn Minuten dorthin brachte.
Um 10:10 Uhr startete dann das Flugzeug nach Florenz, wo ich knapp zwei Stunden später ankam. Der Flughafen von Florenz befindet sich etwa fünf Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum und ist mit diesem nur über einen Shuttle-Bus zu erreichen. Obwohl die Fahrt nicht sonderlich lange dauert, kostet sie pro Person sechs Euro. Ich hatte mir zuvor keinen Reiseführer von Florenz gekauft und war daher sehr glücklich, im Ankunftsbereich einen kostenlosen Stadtplan zu erhalten. Nun konnte ich mich in der Stadt zurechtfinden.
An der Haltestelle traf ich ein deutsches Pärchen, welches morgen auch laufen wollte. Wir unterhielten uns während der zwanzigminütigen Fahrt, bis wir schließlich am Hauptbahnhof ankamen. Ich schaute mir zunächst den Bahnhof an und ging dann nach Norden zu meiner Unterkunft. Der Stadtplan erleichterte mir den Weg. Als ich im Hostel ankam, sagte man mir, dass das Zimmer noch nicht für mich bereitstände. Ich konnte aber schon einmal meine schwere Tasche abgeben und dann nur mit der Mappe in der Hand zur Marathonmesse gehen, um die Startunterlagen abzuholen.
Die Ausgabe der Startunterlagen ist beim Florenz-Marathon nur am Freitag und Samstag möglich, was Teilnehmende von auswärts zu einer Übernachtung zwingt. Des Weiteren muss man – wie für jeden Marathon in Italien – ein sportärztliches Gesundheitszeugnis vorlegen, soweit man kein Mitglied in einem Sportverein ist. Dies hatte mir erhebliche Mühen bereitet. Ich musste bei meiner Hausärztin einen Termin vereinbaren, bei welchem mir dann auch noch Blut abgenommen wurde. Die schriftliche Bestätigung kostete mich auch noch fünf Euro. Ferner muss ein Zahlungsnachweis der Startgebühr vorgelegt werden. Ich hatte also einige Papiere in meiner Mappe.
Der sicherste Weg zur Messe führte an der Plazza da Libertà vorbei an einer der Hauptverkehrsstraßen entlang. Dann musste ich nach links einbiegen und an einem Bahnhof eine Brücke über die Eisenbahnschienen nehmen. Auf der anderen Seite sah ich dann, wie die ganzen Läufer mit einer Plastiktüte in der Hand mir entgegenkamen. Das Gelände befand sich neben einem kleinen Fußballstadion. Überall waren Stände aufgebaut, wo für verschiedene Produkte und internationale Marathonläufe geworben wurde. Bei der Ausgabe der Startnummer legte ich alle Nachweise vor. Das Gesundheitszeugnis war in deutscher Sprache geschrieben. Der Helfer konnte es mit Sicherheit nicht lesen, akzeptierte es aber. Ich bekam die Startnummer mit dem Zeitmesschip, welcher mit einem Gummiband an der Startnummer befestigt und nach dem Rennen unbedingt wieder zurückgegeben werden musste. An einem weiteren Stand bekam ich dann die Plastiktüte, in welche man auch das Trikot mit der Größe M hineinlegte. Dieses Trikot war langärmlig und von violetter Farbe.
Nun machte ich mich auf den Weg zurück zum Hostel. Ich hatte inzwischen mächtig Hunger bekommen und suchte daher nach einem Restaurant, in welchem ich Spaghetti Bolognese essen konnte. Leider musste ich feststellen, dass sämtliche Restaurants um diese Nachmittagszeit geschlossen waren. Somit kam ich gegen 16 Uhr wieder im Hostel an, wo ich nun mein Acht-Bett-Zimmer im ersten Stock beziehen konnte. Ich legte meine Tasche in einem der oberen Betten ab und ging dann wieder in Richtung Hauptbahnhof. Unterwegs sah ich einen kleinen Imbiss, wo ich ein Brot mit Fleisch und eine Dose Cola zu trinken bekam. Der drittel Liter Cola kostete ganze drei Euro.
Nun schaute ich mich ein bisschen auf dem Markt in der Altstadt um, aber ohne etwas zu kaufen. Als es dämmerte, fand ich nun ein kleines Restaurant, wo ich Spaghetti Bolognese zu essen bekam. Hier zahlte ich für 0,4 Liter Cola stolze 5,50 Euro. Danach machte ich mich auf den Weg zum Hostel. Es war etwa 18:30 Uhr, ich war aber schon ziemlich müde. Auf dem Zimmer war außer mir noch ein weiterer Läufer. Er hieß Giovanni und hatte früher bei Triathlons mitgemacht, beschränkte sich nun aber aufs Laufen. Wir unterhielten uns in Englisch und beschlossen, am nächsten Morgen gegen sieben Uhr in den Frühstücksraum zu gehen, wo wir für sechs Euro essen konnten. Er war bisher zweimal den Marathon in Venedig gelaufen.
Ich schaute mir nun noch einmal die Unterlagen an, welche wir mit dem Starterbeutel ausgehändigt bekommen hatten. Ich fand keinen Hinweis auf Duschmöglichkeiten nach dem Rennen und überlegte daher, ob ich vielleicht hier im Hostel duschen könne. Viel Zeit würde mir nicht bleiben, da der Rückflug von Florenz aus schon um 16 Uhr startete. Ich schlief wohl gegen 22 Uhr ein und wachte um sechs Uhr morgens wieder auf.
Tag 2:
Ich duschte kurz auf dem Zimmer und ging dann mit Giovanni zum Essen. Während ich drei belegte Brötchen frühstückte, nahm er nur eines zu sich. Dann gingen wir zurück aufs Zimmer und ich packte meine Tasche. Giovanni wollte noch bis Mittwoch in der Unterkunft bleiben. An der Rezeption tummelten sich massenweise Franzosen, die heute alle laufen wollten. Ich erfuhr nun, dass im Eingangsbereich des Hostels auch eine Dusche vorhanden war. Somit konnte ich mein Gepäck hier abgeben und nur mit dem Starterbeutel zum Marathon gehen. Um kurz nach sieben Uhr gingen wir dann los. Draußen sahen wir, dass es über Nacht geregnet hatte und ein dunkelhäutiger Verkäufer bot uns Regenschirme an, was wir allerdings ablehnten.
Während des Weges zum Startbereich unterhielten wir uns über unsere Erlebnisse. Giovanni kam aus der Nähe von Mailand und war auch schon einmal in New York gelaufen. Gegen 8:00 Uhr kamen wir am Startbereich an. Jetzt realisierte ich erst richtig, wie groß diese Veranstaltung war. Es gab wohl eine fünfstellige Teilnehmerzahl. In aneinandergereihten LKWs konnte man seinen Starterbeutel abgeben. Ich hatte am Mittwoch 25 Kilometer trainiert, um die Stellen an den Füßen ausfindig zu machen, an denen beim Laufen Blasen entstanden. Obenrum trug ich das Trikot vom Halbmarathon in Weimar. Giovanni zog sich schnell um und dann gingen wir zu den entsprechenden LKWs.
Es hatte inzwischen wieder leicht zu regnen angefangen. Einige Sportler suchten unter den LKWs Schutz. Giovanni und ich gaben unsere Taschen ab und dann gingen wir zur Startgeraden. Das Starterfeld war in mehrere Bereiche unterteilt. Diese richteten sich nach der erwarteten Zielzeit der Teilnehmer. Für Giovanni war offenbar eine Zeit im Bereich von dreieinhalb Stunden vorgesehen, weshalb er in einen der vorderen Blöcke musste und sich dann auch von mir verabschiedete. Ich ging weiter nach hinten. Der Farbe auf meiner Startnummer zu Folge musste ich von ganz hinten starten.
Ein großes Problem sollte auch die lange Wartezeit sein. Die Zugänge zu den Startbereichen sollten um 8:45 Uhr geschlossen werden. Wer dann nicht in seinem Bereich sei, könne nur noch von ganz hinten starten. Der Start des vordersten Blocks war aber erst für 9:15 Uhr vorgesehen. Ich hätte somit mindestens eine halbe Stunde warten müssen. Ich entschied mich daher, den hintersten Starterblock erst einmal nicht zu betreten, sondern mich kurz warmzulaufen. Hier am Ende der Startgeraden war eine Stelle am Fluss, wo eine Brücke hinüberführte. Ich lief kurz aufs andere Ufer und suchte dann eine der Toiletten auf. Gegen neun Uhr konnte ich dann in den letzten Starterblock hineingehen.
Ich drängelte mich nun so weit nach vorne, bis ich die Grenze zum vorletzten Block erreicht hatte. Auf den Armbanduhren anderer Teilnehmer sah ich, dass es kurz nach neun Uhr war. An der Grenze der zwei Bereiche standen Sicherheitsleute, was mich daran hinderte, das rotweiße Band, welches die Bereiche trennte, zu überqueren. Nach einigen Minuten jedoch kamen hinter mir zwei Läufer, die einfach das Band hochhoben und untendurch gingen. Kurzentschlossen tat ich dasselbe und drängelte mich nun im zweithintersten Bereich so gut es ging nach vorne. Irgendwann merkte ich aber, dass es nicht mehr möglich war, weiter nach vorne zu gelangen. Ich stand nun neben einer Gruppe von drei jungen Leuten, von denen ein Zwei-Meter-Riese ein Trikot des FC Chelsea trug.
Irgendwann hörten wir dann, wie der Marathon startete. Trotzdem dauerte es noch einige Minuten, bis wir endlich losgehen konnten. Nach über vier Minuten hatte ich dann endlich die Startlinie überquert.
Obwohl Florenz nicht gerade eine riesige Stadt ist, besteht der 42 Kilometer lange Kurs aus nur einer einzigen Runde. Die Startgerade lag neben dem Arno-Fluss, nach wenigen Metern bogen wir aber bereits nach rechts ab und liefen nun nach Norden auf der breiten Hauptstraße, auf welcher ich zuvor mit Giovanni zu Fuß von der Unterkunft hierhergekommen war. Leider konnte ich hier nicht so schnell laufen, wie ich es gerne wollte, da es einfach zu eng war. Die Hauptstraße war in der Mitte durch eine Betonerhöhung getrennt, und für uns Läufer stand nur die eine Hälfte zur Verfügung. Auf der anderen Seite war ein eingeschränkter Autoverkehr möglich. Irgendwann sah ich jedoch, wie einige Läufer über diese Begrenzung sprangen, um auf der anderen Seite freie Bahn zu haben. Dies tat ich nun auch, denn ich wollte endlich ein bisschen schneller rennen.
Dabei musste ich aufpassen, es mit der Geschwindigkeit nicht sofort zu übertreiben, denn ich bekam langsam ein bisschen Seitenstechen. Wir kamen an der großen Piazza Donatello vorbei und dann an der Piazza della Libertà, wo wir links abbogen und nun in südwestlicher Richtung auf den Hauptbahnhof zuliefen. Links von uns zweigte die Straße ab, in der meine Unterkunft war. Ich erreichte nun die Gruppe der Pacemaker mit der 4:15-Stunden-Zielmarke. Jeder dieser drei bis vier Pacemaker war mit einer ganzen Reihe von Luftballons ausgestattet. Diese Luftballons hatten unterschiedliche Farben, je nachdem, zu welcher Zielzeit der Läufer gehörte. Um heute eine neue Bestzeit zu laufen, musste ich die 3:30h-Pacemaker überholen. Als wir dann in der Innenstadt waren, mussten wir eine Unterführung nehmen, um unter den Schienen am Hauptbahnhof hindurch zu gelangen. Hier machten einige Läufer ziemlich viel Lärm.
Als wir die Unterführung hinter uns hatten, folgte der Abschnitt durch den Westen von Florenz. Später sollten wir auch relativ nahe am Flughafen vorbeikommen. Im Moment waren wir noch in einem Wohngebiet. Kurz vor Kilometer fünf kam der erste Verpflegungspunkt, wo ich einen Becher Wasser zu mir nahm. Da ich im Feld relativ weit hinten war, lagen schon entsprechend viele zertretene Plastikbecher am Boden. Ich sah nun vor mir zwei junge, großgebaute Männer, die sich in deutscher Sprache unterhielten. Als ich sie überholt hatte, rief der eine in sächsischem Dialekt: „Weimarer Stadtlauf? Do warn wir ooch!“ Ich fragte daraufhin, ob er aus Ostdeutschland käme, korrigierte mich aber sofort und sagte: „Entschuldigung, aus den Neuen Bundesländern?“ Ich erzählte ihm, dass ich für das zweite Wochenende im Oktober keine bessere Alternative gefunden hätte, da ich nicht nach München wollte. Dann hatte ich die beiden Typen hinter mir gelassen.
Als wir nun erneut eine Unterführung unter Eisenbahngleisen hatten, wurde es wieder richtig laut. Dann kamen wir auf eine Straße, die neben einem großen Park lag. Ich wich mehrfach auf den Gehweg aus, um besser überholen zu können. Ich überholte auch die Pacemaker für die 4:00-Stunden-Marke. Die jetzige Strecke diente auch als Rückweg, auf welchem sich gerade das Führungsfeld befand und uns entgegenkam. Ich sah einige dunkelhäutige Läufer. Zwischen den Bäumen hielten immer wieder Teilnehmer an, um ihre Notdurft zu verrichten. Ich selber musste während des Marathons keine einzige solche Pause einlegen.
Etwa ab Kilometer 7,5 hatten wir die Straße wieder für uns alleine, das Führungsfeld kam hier nicht vorbei. Als wir dann am Ende des Parks eine 180°-Kurve hinlegten, schaute ich nach rechts, ob ich hier vielleicht den Flughafen erblicken konnte. Leider war er nicht sichtbar.
Nun ging es nach Südosten zurück, zur linken Seite den Park, zur rechten Seite den Arno-Fluss. Ich überholte einen Läufer, der einen Pudel an der Leine hielt. Ob der kleine Hund den gesamten Marathon überstehen konnte? Im Arno-Fluss waren einige künstliche Wasserfälle sichtbar. Dann hatte ich die Pacemaker für 3:45 Stunden erreicht und überholte sie auch. Der Riese im Chelsea-Trikot war immer noch in meiner Nähe, doch bald verlor ich ihn aus den Augen.
Auf Höhe einer Brücke war der zweite Versorgungspunkt erreicht, wo ich auch Iso zu trinken bekam. Diese Versorgungspunkte waren bei Kilometer 5, 10, 15 usw., während bei den Abschnitte 7.5, 12.5, 17.5 usw. Stände waren, an denen nasse Schwämme an die Teilnehmer ausgegeben wurden.
Ich sah nun vor mir einen älteren Läufer, welcher aus Bad Dürkheim war, was ich an seinem Trikot erkannte. Wir redeten kurz über die Marathonläufe an der Deutschen Weinstraße und in Mannheim, dann ließ ich ihn hinter mir. Bei Kilometer zehn war eine Uhr aufgestellt. Meine Bruttozeit lag bei etwa 53 Minuten für diese ersten zehn Kilometer. Dann folgte eine 180°-Kurve und es ging – ein bisschen versetzt – neben der bisherigen Strecke wieder zurück bis wenige hundert Meter vor Ende des Parks, wo wir rechts abbogen und dann in der Straße waren, wo uns vorhin das Führungsfeld entgegengekommen war. Wir liefen nun in südöstlicher Richtung und sahen nun die hintersten Teilnehmer, die von einem Rettungswagen begleitet wurden.
Nach 15 Kilometern nahmen wir wieder Kurs auf das Zentrum. Bevor wir die Altstadt jedoch erreichten, ging es über den Arno-Fluss in den Stadtteil südlich des Flusses. Wir liefen am anderen Ufer geradeaus und ich erblickte nun die Pacemaker-Gruppe für die 3:30-Stunden-Marke. Zwar näherte ich mich diesen Läufern, aber meine Geschwindigkeit war nur wenig höher als ihre und daher dauerte der Überholprozess sehr, sehr lange.
Eine weitere Brücke über den Fluss ließen wir links liegen, bei der nächsten Brücke bogen wir rechts ab in das Stadtzentrum südlich des Flusses. Hier gab es endlich wieder einmal zahlreiche Zuschauer am Streckenrand. Am südlichsten Punkt der Strecke folgte eine 180°-Kurve, als es plötzlich sehr laut wurde, da ein aufgebautes Orchester mit einem Mal anfing, Musik zu machen. Ich hielt mir die Ohren zu und war dann auch schon an der Stelle vorbei. Wir sahen jetzt noch den Pitti-Platz, welcher mir bekannt vorkam, den ich aber gestern nicht gesehen hatte, da auch mich ja nur nördlich des Arno aufgehalten hatte.
Als wir den Fluss wieder erreichten, bogen wir rechts ab, um am südlichen Ufer entlangzulaufen. Auf dieser langen Geraden sah ich wieder die Pacemaker-Gruppe, die nun nicht mehr weit vor mir war. Wir erreichten den vierten Versorgungspunkt. Inzwischen gab es hier auch zu Essen. Ich nahm mir einige Stücke Banane. Dabei sah ich, dass sogar Zitronen angeboten wurden.
Wir nahmen nun die zweite Brücke, um wieder in den Bereich nördlich des Arno zu gelangen. Direkt dahinter bogen wir nach rechts ab. Nun begann der Abschnitt durch den Osten von Florenz. Zunächst liefen wir am Flussufer entlang nach Osten. Hier erreichten wir die Stelle, an der die erste Hälfte des Marathons absolviert worden war. Meine Bruttozeit von etwa 1:47 Stunden bestätigte mir, dass meine Geschwindigkeit konstant geblieben war.
Die 3:30-Pacemaker waren immer noch vor mir und ich näherte mich ihnen nur sehr langsam. Als wir den östlichsten Punkt der Strecke erreicht hatten, ging es südlich der Bahnlinie nach Nordwesten wieder zurück. Dabei kamen wir auch am Bahnhof vorbei, den ich zur Abholung meiner Startunterlagen gestern überqueren musste. Schließlich kamen wir im Norden an eine Brücke, die uns über die Gleise führte. Auf der anderen Seite ging es wieder nach Süden zurück um einen Park herum. Hier befand sich das Stadion des AC Florenz. Nun war es auch soweit, dass ich einen Pacemaker nach dem anderen überholte. Bei Kilometer 30 betrug meine Bruttozeit ziemlich genau zweieinhalb Stunden. Die Pacemaker waren auch untereinander schon ein ganzes Stück auseinander.
Bei der Verpflegungsstelle nahm ich mir sogar eine Zitrone und bis kräftig hinein. Bis jetzt hatte ich meine Geschwindigkeit konstant halten können. An einer Rechts-Linkskurve sprach mich plötzlich ein Läufer von hinten in deutscher Sprache an und hielt mir die Hand hin. Er sagte: „Hey, du warst doch vor vier Wochen in Porto, oder?“ Ich war sehr erstaunt und er sagte mir, dass er auf dem Rückflug neben mir gesessen hatte. Da er wesentlich schneller als ich war, ließ ich ihn vorbei. Dann ging es wieder auf einer Brücke über die Bahngleise. Wir nahmen nun Kurs auf die Innenstadt.
Der Boden wurde hier teilweise ein bisschen ungemütlicher, weil er aus Kopfsteinpflastern bestand. Ich spürte auch langsam, wie meine Beine schwerer wurden. Bei Kilometer 35 überholten mich die Pacemaker wieder, einer nach dem anderen. Ich spürte jetzt auch ein immer wieder auftretendes Kratzen im Bein. Als wir wieder am Nordufer des Arno-Flusses entlangliefen, konnte ich wieder einen der Pacemaker überholten. Er sagte mir, dass er seine vorgegebene Zeit nicht einhalten könne. An zwei aufeinanderfolgenden Brücken ging es dann auf das südliche Ufer und wieder zurück. Dann kamen wir an einigen historischen Plätzen vorbei. Es ging hier sehr eng und auch sehr laut zu. Auf einem dieser Plätze lag ein Sportler am Boden und musste behandelt werden. Er war offenbar kollabiert. Mir fiel nun ein, dass ich den Zeitmesschip im Ziel wieder zurückgeben musste.
Nach einer Rechtskurve kamen wir wieder an der Startgeraden vorbei und dann an der Geraden, wo die LKWs mit den Beuteln waren. Am Ende dieser Geraden lief ich nach rechts und kam dann im Ziel an. Meine Bruttozeit betrug ziemlich genau 3:33 Stunden.
Nun wurde ich mit einigen kleinen Getränkeflaschen versorgt. Die Finisher erhielten außerdem Tücher zum Umhängen, worauf ich allerdings verzichtete. Dann konnte ich den Chip abgeben und die goldfarbene Medaille mit dem Michelangelo entgegennehmen. Ich ging direkt weiter zum LKW, wo ich meinen Starterbeutel zurückbekam. Nun war keine Zeit zu verlieren. Ich musste rechtzeitig am Flughafen sein und vorher geduscht haben. Ich lief die Hauptstraße entlang bis zum Hostel, wo ich meine Tasche zurückbekam. Tatsächlich gab es hier ein kleines Badezimmer, wo ich duschen konnte. Dann zog ich mich wieder an, verabschiedete mich und machte mich auf den Weg zum Hauptbahnhof, wo die Busse zum Flughafen fahren sollten. Hier unterhielt ich mich mit zwei Frauen aus Holland, bevor der Bus dann eintraf und uns zum Flughafen brachte. Die Fahrt kostete erneut 6€.
Am Flughafen konnte ich mir am Air-France-Schalter das Ticket abholen. Dabei gelang es mir, ein erstes Gespräch komplett auf Italienisch zu führen. Der Rückflug verlief ohne Zwischenfälle. Gegen 21:30 Uhr kam das Flugzeug in Bremen an. Ich nahm die Straßenbahn und war kurz nach 22 Uhr wieder zu Hause.