Montag, 29. Oktober 2012

Halbmarathon Braunschweig 2012-10-28

Der neunundfünfzigste Halbmarathon meines Lebens.
Die zwölften Braunschweiger Lauftage.
Für den Halbmarathon bei den Braunschweiger Lauftagen hatte ich mich bereits im Jahr 2011 angemeldet und daher für die Teilnahme nur knapp über 10 Euro zahlen müssen. Das Ticket für die Hinfahrt mit der Bahn (Fernverkehr) hatte ich 92 Tage vorher gekauft.
Leider war ich in den letzten vier Tagen leicht erkältet gewesen und wusste daher nicht, wie ich das Rennen angehen sollte. Es bestand die Möglichkeit, mich wegen der niedrigen Temperaturen (nur knapp über Null Grad) ein bisschen wärmer zu kleiden und eine vergleichsweise langsame Zeit anzustreben. Letztendlich sollte sich erst am Tag des Rennens entscheiden, wie ich mich verhalten würde, denn ich wollte meinen Gesundheitszustand abwarten. Dank der Zeitumstellung konnte ich relativ lange schlafen. Ich stand (nach Winterzeit) um kurz nach sechs Uhr auf, frühstückte und duschte. Es ging mir besser als in den letzten Tagen, trotzdem packte ich auch eine lange Jogginghose in meine Tasche.
Um kurz nach halb acht Uhr ging ich aus dem Haus und nahm die nächste Straßenbahn zum Hauptbahnhof, wo ich um acht Uhr ankam. In der Bahnhofshalle schaute ich auf die Abfahrtstafel, denn meine größte Sorge war, dass der Intercity nach Leipzig ausfallen würde, was ja bei der Deutschen Bahn keine Seltenheit ist. Zum Glück war dies aber heute nicht der Fall. An Gleis drei stand der Zug abfahrbereit und ich stieg ein.
Nach Zwischenhalten in Verden und Nienburg erreichten wir Hannover. Wegen der Mitnahme von Anschlussreisenden verzögerte sich die Abfahrt hier um fünf Minuten. Planmäßig sollte der Zug kurz nach zehn Uhr in Braunschweig ankommen. Um zehn Uhr sollten dort der Marathon und 200 Läufer des Halbmarathons starten, weitere 500 Teilnehmer des Halbmarathons würden erst um elf Uhr an den Start gehen, zu denen auch ich gehörte.
Das Veranstaltungszentrum lag in der Innenstadt, der Braunschweiger Hauptbahnhof aber etwas außerhalb. Ich kannte den Weg allerdings noch aus dem Vorjahr, wo ich meine Jahresbestzeit 2011 gelaufen war. Als der Zug mit wenig Verspätung ankam, machte ich mich auf den Weg. Nach einer Viertelstunde, während der ich ständig an roten Ampeln warten musste, kam ich in der Fußgängerzone an. Bis jetzt hatte ich keinen Läufer zu Gesicht bekommen. Hatte ich mich im Datum geirrt? Als ich weiter durch die Fußgängerzone schritt, konnte ich schließlich die Stimme des Kommentators hören und bald schon die Menschenmasse am Kohlmarkt sehen.
Bevor ich meine Startnummer abholte, fiel mein Blick auf einen großen Tisch, der voller kleiner Modell-Schuhe aus Metall war. Ich vermutete, dass es diesmal anstatt der gewohnten Medaille einen solchen Schuh für die Finisher geben würde. Dann bekam ich meine Startnummer mit den Zeitmesschips für beide Schuhe und begab mich mit meinem Gepäck zu dem Schulgelände, wo auch letztes Jahr die Taschenabgabe war. In der Kabine neben der Sporthalle konnte ich mich umziehen. Ich hatte mich dazu entschlossen, die „schnellere“ Variante zu wählen: Weder Pulli noch lange Hose noch Handschuhe nahm ich mit sondern gab alles mit der Tasche ab. Lediglich die Spezialsonnenbrille behielt ich auf, denn es war zwar sehr kalt, aber Wolken waren keine am Himmel.
Nun waren es noch etwa zehn Minuten bis zum Start. Ich konnte mich warmlaufen und einige Dehnübungen durchführen, dann reihte ich mich in der Fußgängerzone ins Starterfeld ein. Der Start erfolgte von Süd nach Nord und besonders bis zur ersten Kurve war die Strecke ziemlich eng.
Glücklicherweise erfolgte der Start pünktlich, anders als vor zwei Jahren. Anfangs liefen wir durch die Fußgängerzone und dann auf einen großen Platz hinaus. An eine neue Bestzeit dachte ich heute nicht, denn ich war noch ein bisschen von der Erkältung geschwächt.
Der Weg führte weiter durch den Stadtpark, wo es einige steile Abhänge hinunterging, die ich zum Überholen benutzte. Ich befand mich im Feld so weit vorne, dass die enge Strecke mir keine Probleme bereitete. Als dann die Gegend entlang eines kleinen Rangierbahnhofes erreicht war, überholte ich eine Frau. Ich konnte nicht sagen, ob sie die schnellste von allen war, aber sie war die einzige Frau, an der ich während dem Rennen vorbeizog.
Erst bei Kilometer 4 entdeckte ich die Kilometerschilder. Ich hatte bis hierher nur knapp über 16 Minuten benötigt. Meine Hände waren im Moment ziemlich kalt, aber ich wusste aus Erfahrung, dass sie während dem Laufen wieder warm werden würden. Nach fünf Kilometern erreichten wir den ersten Versorgungspunkt, wo ich einen Becher mit warmem Tee bekam.
Nach der Unterführung unter der Bahnlinie nach Magdeburg erreichten wir, wie jedes Jahr, den Weg, der zwischen den abgeernteten Feldern hindurchführte. Am Ende dieser Geraden, die am Stadtrand von Braunschweig lag, folgte eine Rechtskurve und es ging an einer Hauptverkehrsstraße wieder nach Braunschweig zurück. Hier hatte ich die Gelegenheit, erst das Feld vor und dann jenes hinter mir zu beobachten. Vor mit befanden sich nur vereinzelte Läufer, hinter mir war schon mehr los.
Für uns Sportler war nur der Radweg neben der Straße vorgesehen. Als ich die Stelle erreichte, wo wir an einer Kreuzung diese Straße überqueren mussten, war ich gerade der vorderste in unserem Feld und mein Vordermann mir weit voraus. Ich musste die Polizistin, welche den Autoverkehr regelte, nach dem Weg fragen. Sie machte mich auf die roten Pfeile am Boden aufmerksam, welche mir den Weg wiesen.
Es ging nun geradeaus auf der anderen Seite der Straße entlang. Leider bekam ich nun ein bisschen Seitenstechen, was meine Geschwindigkeit drosselte. Dafür waren meine Hände wieder warm geworden. Ich hatte heute genau die richtige Kleidung gewählt. Lediglich eine Kappe vermisste ich, denn wir liefen nun ein ganzes Stück weit nach Süden direkt der tiefstehenden Sonne entgegen.
Wie jedes Jahr befand sich der zweite Versorgungspunkt am Ende der ersten Hälfte des Rundkurses. Und auch dieses Jahr wurde hier wieder Musik gespielt, ich bekam beim Vorbeilaufen den Text „Ich bin ein Mädchen aus Piräus“ zu hören.
Bald liefen wir an einem kleinen Teich und unter vielen Autobahnbrücken hindurch und dann war nach zwei engen Kurven endlich der Südsee erreicht. Wir umliefen ihn wie letztes Jahr gegen den Uhrzeigersinn. Ich hatte mich inzwischen in einer Gruppe von fünf Läufern eingependelt. Die langsamen Sportler, welche wir nun überholten, bildeten offenbar das Schlussfeld des Zehn-Kilometer-Laufes.
Als das südliche Ende des Südsees erreicht war und wir wieder nach Norden umdrehten, hatte ich die Sonne endlich wieder im Rücken. Der Rundkurs um den See kam mir relativ kurz vor. Als wir ihn hinter uns gelassen hatten, liefen wir ein kurzes Stück auf dem Hinweg zurück, wo uns das Halbmarathon-Hauptfeld entgegenkam. Dann kam die Verzweigungsstelle und ich hatte nur noch drei Kilometer bis zum Ziel.
Es ging wieder unter der Autobahn hindurch und dann durch den Bürgerpark. Ich wartete darauf, kurz vor einer Unterführung das Schild mit der Aufschrift „Jetzt noch aufgeben wäre blöd“ zu sehen, wie es in den letzten beiden Jahren dort angebracht war. Diesmal stand es jedoch nicht dort. Aber hinter der Unterführung war ich wieder in der Innenstadt und kurz vor dem Ziel. Eine Brücke brachte mich über einen kleinen Fluss und hinter der Straßenbahnhaltestelle begann schon die Fußgängerzone. Meine Bestzeit konnte ich nicht mehr unterbieten, aber eine Zeit unter 1:28h erschien mir noch möglich. Leider war die Zielgerade dafür zu lang. Ferner wurde ich noch von zwei Läufern kurz vor dem Ziel überholt, da diese einen noch schnelleren Schlussspurt einlegten als ich.
Im Ziel nahm ich mir zunächst einen Becher alkoholfreies Pils und fragte dann nach den Medaillen. Jetzt wurde mir bestätigt, dass es dieses Jahr Modellschuhe statt Medaillen gab. Sie waren silber- und goldfarben und auf der Stirnseite war eine Kunststoffplatte angebracht mit der aufgedruckten Aufschrift „12. Braunschweiger Lauftage, Marathon, Halbmarathon, 10km, 28.10.2012“.
Ich hatte heute meine zweitbeste Halbmarathonzeit überhaupt erzielt. Es war jetzt halb ein Uhr. Um 13:20 Uhr sollte der Regionalexpress nach Hannover starten. Ich ging daher sofort zum Schulgelände und holte meine Tasche ab. Im Gegensatz zum Vorjahr gab es diesmal bei den Duschen warmes Wasser. Anstehen musste ich nicht. Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, ging ich über das Veranstaltungszentrum durch die Fußgängerzone zum Kennedy-Platz, wo ich eine Straßenbahn zum Hauptbahnhof nahm. Gesundheitliche Probleme spürte ich nicht.
Als ich mir im Bahnhofsgebäude ein Ticket kaufen wollte, traf ich einen jungen Mann, der für sein Tagesticket Mitfahrer nach Hannover suchte. Für fünf Euro nahm er mich mit. In Hannover trennten wir uns. Gegen 16 Uhr kam ich schließlich zu Hause an.

Montag, 22. Oktober 2012

Halbmarathon Oldenburg 2012-10-21

Der achtundfünfzigste Halbmarathon meines Lebens.
Der Oldenburg-Marathon.

Seit der Wiedereinführung des Oldenburg-Halbmarathons 2009 hatte ich bei jeder Auflage der Veranstaltung teilgenommen. 2010 wurde der Event um den Marathon erweitert, ich war aber jedes Mal nur den halben gelaufen. Die Veranstaltung fand jedes Jahr im Oktober oder November statt. Meine bisherigen Zielzeiten standen stellvertretend für meine Entwicklung beim Laufen: Auf die Minuten abgerundet hatte ich beim ersten Mal 1:52h benötigt, im Jahr 2010 1:40h und letztes Jahr 1:30h. Ich träumte natürlich davon, mich auch heute wieder zu verbessern und vielleicht sogar eine neue persönliche Bestzeit aufzustellen.
An diesem Tag ließ ich mich um sechs Uhr wecken, duschte und frühstückte dann. Meine Tasche hatte ich schon am Vortag gepackt. Ich zog die Läuferhose unter die normale Hose, damit ich in Oldenburg nicht noch eine Umkleidekabine aufsuchen musste. Um 7:40 Uhr bestieg ich die Straßenbahn zum Hauptbahnhof, wo ich zwanzig Minuten später ankam. Am Gleis 2, wo die Nordwestbahn nach Oldenburg erwartet wurde, standen schon zahlreiche Läufer bereit. Über das Internet hatte ich erfahren, dass ein neuer Teilnehmerrekord erreicht worden war.
Das Wetter hatte sich in den letzten Tagen geändert: Der Herbst war vorübergehend verschwunden und die Temperaturen hatten gestern und vorgestern die 20°C-Marke geknackt. Zum Glück sollte es heute ein bisschen kühler werden.
Um 8:15 Uhr startete die Bahn mit zahlreichen Sportlern nach Oldenburg, wo wir kurz vor neun Uhr ankamen. Den Weg vom Oldenburger Bahnhof in die Innenstadt kannte ich inzwischen bestens. Ich konnte bereits sehen, wie die Polizei dabei war, die Strecke für die Läufer zu sperren.
Ich schloss mich einem Mann an, der mir erzählte, dass er heute den ersten Marathon seines Lebens laufen wolle. Der Marathon bestand, wie in den Vorjahren, aus zwei Runden des Halbmarathons. Ob ein Umstieg auf den Halbmarathon nach einer Runde möglich war, konnte er mir allerdings nicht sagen.
Wir erreichten zusammen die Schlosshöfen, das Einkaufszentrum, indem, wie letztes Jahr, die Startnummernausgabe war. Diesmal musste ich allerdings nicht so lange anstehen. Meine Anmeldebestätigung hatte ich zwar vergessen auszudrucken, aber das Nennen meines Namens reichte aus. Ich bekam den Umschlag, welcher außer der Startnummer nur noch ein paar Werbeflyer enthielt.
Ich setzte mich auf die Bank eines Cafés und aß mein mitgebrachtes Brot. Dann befestigte ich die Startnummer an meinem Trikot. Ich trug heute das Shirt vom diesjährigen Bremen-Marathon. Da der Himmel bisher stark bewölkt war, entschied ich mich, die Sonnenbrille in der Tasche zu lassen.
Die Taschenabgabe befand sich, genau wie im letzten Jahr, auf dem Parkdeck. Ich fuhr mit dem Aufzug dorthin und gab meine Tasche ab, nachdem ich sie mit dem dafür vorgesehenen Aufkleber markiert hatte. Nach einem Gang zur Toilette, die heute kostenlos benutzt werden durfte, ging ich nach draußen. Auf dem Schlossplatz waren ein großes Zelt und einige kleinere Würstchenbuden aufgebaut. Die verbleibenden zehn Minuten bis zum Start um zehn Uhr nutzte ich, um mich warmzulaufen. Dabei fand ich auch die Schulsporthalle, in der, wie im letzten Jahr, die Duschen zur Verfügung gestellt wurden. Es war gut, die Örtlichkeit zu kennen, denn dann musste ich mich nach dem Rennen nicht durchfragen. Der Streckenplan glich exakt dem des letzten Jahres.
Marathon, Halbmarathon und Zehn-Kilometer-Lauf sollten zusammen starten, wobei letztere Teilnehmer sich auf die linke Hälfte der Startgeraden stellen sollten, da die Kurse nach einem Kilometer getrennt werden würden. Ich begab mich in den Startblock für die 90-Minuten-Zielzeit. Leider verzögerte sich der Start ein bisschen. Der Kommentator forderte uns immer wieder auf, ein Stückchen nach hinten zu rücken, da ständig noch weitere Läufer die Geraden betraten.
Mit vier Minuten Verspätung ging es dann endlich los. Wenn ich heute neue Bestzeit laufen wollte, dann musste ich von Anfang an Gas geben. Ich überholte einige Läufer und hatte dann trotz der großen Teilnehmerzahl viel Platz. Am Ende des Schlosswalls folgte eine Linkskurve in die Huntestraße, die Zehn-Kilometer-Läufer bogen auch nach links ab, aber in die Poststraße. Beide Wege waren durch eine Art Stadtgraben getrennt.
Für den ersten Kilometer hatte ich nur knapp vier Minuten benötigt - eine Traumzeit. Es ging nun weiter nach Norden zum Pferdemarkt, wo wir aber noch vor den Zuschauermassen nach rechts abbogen, die Zehn-Kilometerläufer links. Unsere Strecken hatten sich also nun endgültig getrennt. Wir mussten jetzt die erste Schleife nordöstlich des Pferdemarktes ablaufen. Hier konnte ich schon einen Getränkestand erkennen, an dem wir uns dann auf dem Rückweg bedienen durften.
Es befand sich ein Wohngebiet mit einigen Zuschauern um uns herum. Kilometer zwei hatte ich nach wenig über acht Minuten erreicht. Bis jetzt verlief also alles nach Plan. Nach einer Wende, die durch mehrere Straßen führte, schlugen wie wieder den Rückweg zum Pferdemarkt ein. An der Stelle, wo Hin- und Rückweg wieder zusammenfielen und ich das Feld hinter mir betrachten konnte, gab es bereits eine Versorgungsstelle, wo ich mir einen Becher Wasser nahm und ihn vollständig austrank. Dann ging es sofort weiter.
Als der Pferdemarkt wieder erreicht wurde, konnte ich mir unter dem Applaus der Zuschauer wieder einen Becher Wasser gönnen. Es folgte nun eine Schleife durch das Gebiet nördlich des Pferdemarktes. Ich bekam hier zu spüren, dass ich für die bisherigen fünf Kilometer nur knapp über zwanzig Minuten benötigt hatte, denn ein leichtes Seitenstechen nötigte mich zu einer kurzen Gehpause.
Als ich mich besser fühlte, nahm ich das alte Tempo wieder auf. Ich überholte immer noch in regelmäßigen Abständen andere Teilnehmer, unter denen auffällig viele Frauen waren. Bei meinem Niveau war ich es inzwischen gewohnt, beim Laufen nur Männer um mich herum zu haben.
Am Ende dieser Schleife wurde der Pferdemarkt ein letztes Mal erreicht. Nun folgte der Abschnitt durch die Stadtteile im Westen Oldenburgs. Hier waren wir von ruhigen Wohngebieten und Wäldern umgeben. Meine Blase an der Ferse hatte ich mir übrigens mit einem Pflaster abgeklebt, was sich als sehr hilfreich erwies.
Ich genoss nun weniger die Umgebung, sondern war mehr damit beschäftigt immer wieder auf die Uhr zu schauen. Bei Kilometer zehn war gerade einmal eine Zeit von 40:30 Minuten verstrichen. Ich war auf dem Weg zu einer neuen Bestzeit. Leider musste ich zwischendurch wieder einige Leute an mir vorbeiziehen lassen, da sich mein Seitenstechen erneut bemerkbar machte.
Mein Tempo konnte ich zum Glück einigermaßen halten. Nach einer Stunde hatte ich etwa 14,5 Kilometer absolviert, für mich neuer Rekord. An einer Apotheke konnte ich die aktuelle Temperatur ablesen: Mit 17°C war es zum Laufen fast schon ein bisschen zu warm. Glücklicherweise hatte sich die Sonne bis jetzt nicht gezeigt, denn die Sonnenbrille hatte ich ja nicht dabei.
Nach einer Unterführung und einem Weg unter einer Brücke hindurch folgte die altbekannte Straße an der Autobahn entlang, welche zwar etwas höher lag und von Schallschutzwänden umgeben war, aber das Rauschen der vorbeifahrenden Autos war deutlich hörbar. Mit der Geschwindigkeit hatte ich etwas nachgelassen. Ich achtete darauf, pro Kilometer nicht mehr als 4:10 Minuten verstreichen zu lassen. Im Kopf rechnete ich ständig nach, welche Zielzeit ich wohl erreichen würde.
Einen Kilometer vor dem Ziel passierten wir die Hindenburgstraße, wo der Boden aus Pflastersteinen bestand. Nun gab ich noch einmal alles. Auf eine Erfrischung in Form eines Becher Wassers kurz vor dem Ziel verzichtete ich. Stattdessen bog ich in den Schlosswall ein und überholte noch einmal einen Läufer. Die Marathonis mussten sich rechts halten um geradeaus zu laufen und die zweite Runde zu beginnen, für mich ging es nach links. Ich wusste nicht mehr genau, wie lang die Zielgerade war, denn sie war etwas kurvig und der Zielbogen daher nicht einsehbar. Meinen Traum von einer Zeit unter 1:27h musste ich schließlich begraben als ich das Ziel vor mir sah, aber die Linie überquerte ich nach einer Nettozeit von ziemlich genau 1:27:15h. Ich hatte mich also um über eine Minute verbessert. Der Kommentator nannte meinen Namen und meine Herkunftsstadt.
Rechts hinter der Ziellinie befand sich ein Sanitäter-Zelt. Da ich es nach dieser grandiosen Leistung für mein Recht hielt, mich auszuruhen, fragte ich, ob ich auf einer der Liegen Platz nehmen könnte. Man bot mir einen Platz an und brachte mir einen Becher Wasser. Ein Helfer maß meinen Puls, ein anderer notierte meinen Namen und mein Geburtsdatum. Nach fünf Minuten bedankte ich mich und ging wieder. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich noch gar keine Medaille entgegengenommen hatte. Eine der Helferinnen hängte mir eine um. Im Gegensatz zu den beiden Vorjahren sah sie diesmal ein bisschen anders aus: Das runde Metallstück war auf der einen Seite gar nicht graviert, auf der anderen Seite befand sich lediglich in der Mitte die Skyline von Oldenburg mit der Aufschrift „Oldenburg Marathon, 21.10.2012“.
Am Ausgang des großen Zeltes bekam ich wieder einen Laib Brot geschenkt. Als ich vom Parkdeck des Einkaufszentrums meine Tasche abgeholt hatte (Die Helferin wunderte sich, dass ich mit dem Halbmarathon schon fertig war), ging ich wieder über die Zielgeraden zu den Duschgelegenheiten. Wegen zahlreicher Zehn-Kilometer-Läufer war es hier ein bisschen eng. Als ich mich wieder angezogen hatte, war es gerade einmal kurz nach zwölf Uhr. Ich ging nun zum Bahnhof und fuhrt mit der Nordwestbahn nach Hause.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Halbmarathon Winsen 2012-10-13

Der siebenundfünfzigste Halbmarathon meines Lebens.
Der 34. Volkswaldlauf des MTV Borstel-Sangenstedt.

Diese Veranstaltung war im Vergleich zu den am Sonntag stattfindenden (Halb-) Marathons in München oder Eindhoven eindeutig die kostengünstigere Alternative. Ich hatte mich über das Internet angemeldet und lediglich vier Euro Startgebühr sowie zwei Euro für das Zusenden der Ergebnislisten überwiesen. Die genaue Strecke war im Internet nicht angegeben; ich wusste lediglich, dass der Halbmarathon aus zwei Runden bestehen sollte und der 10,7-Kilometer-Lauf aus einer solchen Runde.
Da der Volkslauf am Samstagmittag stattfand, hatte ich nach dem anstrengenden Bremen-Marathon lediglich fünf Tage zur Regeneration. Nachdem ich an diesem Morgen gefrühstückt hatte ging ich zur Straßenbahnhaltestelle, um kurz nach zehn Uhr zum Bremer Hauptbahnhof zu fahren. Dort angekommen, stieg ich in den Metronom ein, der mich in einer Stunde nach Hamburg-Harburg brachte.
Dort startete nach zwanzig Minuten Wartezeit der Metronom-Regional nach Lüneburg. Nach Zwischenhalten in Maschen und einigen anderen kleinen Dörfern erreichten wir den Ort Winsen, wo ich ausstieg. Das Sportgelände des MTV Borstel liegt etwa drei Kilometer vom Bahnhof entfernt. Ich hatte mir den Fußweg auf Papier aufgezeichnet, aber da sich am Bahnhof eine große Baustelle befand, verlor ich zunächst ein bisschen die Orientierung. Ich musste einige Passanten nach dem Weg fragen, bevor ich mich wieder zu Recht fand. Ich durchquerte ein Industriegebiet und dann die Bahngleise, hinter denen der Sportplatz des Ortsteils Borstel auftauchte. Ich hatte also das Gelände erreicht und bis zum Start des Halbmarathons war es noch eine Stunde.
Auf dem Gelände gab es warmes Essen und im Vereinsheim konnte ich meine Startnummer abholen. Ich aß mein mitgebrachtes Brot und zog mich dann in einem Zelt um. Die Tasche konnte ich in einem anderen Zelt abgeben und überraschenderweise wurde sie sogar mit einer Nummer versehen. Die Bewachung der Taschen war für solch eine kleine Veranstaltung überraschend. Nachdem ich noch einmal die Toilette aufgesucht hatte, stellte ich fest, dass mir bei der Auswahl der Schuhe ein Missgeschick unterlaufen war: Ich trug Schuhe von zwei verschiedenen Paaren. Dass sich beide Paare optisch nicht allzu sehr unterschieden ermöglichte diese Verwechslung. Zum Glück fiel es mir rechtzeitig auf und ich konnte meine Tasche zurückbekommen und den Fehler korrigieren.
An einer Anzeigetafel war die Strecke für Halbmarathon und 10,7-Kilometer-Lauf abgebildet. Der Weg sollte vom Sportgelände nach Südosten führen. Der hintere Teil der Strecke wurde auf Hin- und Rückweg abgelaufen und ermöglichte am Wendepunkt eine präzise Bestimmung der Anzahl Läufer, welche ich vor mir hatte. Die Startnummern der Halbmarathonis waren mit einem roten Kreuz versehen.
Halbmarathon und 10,7-Kilometer-Lauf starteten gemeinsam um 13:45 Uhr. Das Wetter war ideal: Es war kühl, aber es regnete nicht. Wegen dem heiteren Himmel setzte ich meine Spezial-Sonnenbrille auf. Obenrum trug ich das Trikot vom Bremen-Marathon um allen zu zeigen, wo ich herkam.
Wenige Minuten vor dem Start erklärte uns der Schiedsrichter die Strecke: Es sollte zunächst eine Runde um den Sportplatz gelaufen werden. Dann folgte der etwa zehn Kilometer lange Kurs durch den Borsteler Wald, auf den wir Halbmarathonis auf der zweiten Runde ganz allein sein würden. Er war mit gelben, pfeilförmigen Hinweisschildern markiert. Zum Abschluss mussten wir noch eine Runde um den Sportplatz laufen. Eine Fahrradbegleitung für den schnellsten Läufer gab es offenbar nicht. Wegen der geringen Teilnehmerzahl machte ich mir schon Sorgen, dass ich mich möglicherweise verlaufen würde. Dann kam der Startschuss.
Schon jetzt waren einige Teilnehmer orientierungslos und wussten nicht, wo es genau langging. Ich hielt mich daher nicht ganz vorne im Feld auf. Nach der Runde um den Sportplatz verließen wir das Vereinsgelände und bogen nach links in den Wald ab. Ich befand mich zunächst auf Position neun, wobei ich allerdings nicht sagen konnte, wie viele der Teilnehmer vor mir auch den Halbmarathon liefen. Insgeheim träumte ich natürlich, wie immer, von einem Platz auf dem Podest.
Es kam bereits jetzt darauf an, mir die Strecke gut zu merken, denn auf der zweiten Runde, wenn nur noch die Halbmarathonis unterwegs sein würden, sollte das Feld viel kleiner sein und ich würde mich wohl nicht mehr an meinem Vordermann orientieren können. Es bestand die Gefahr, eine falsche Abzweigung zu nehmen.
Die Kilometer waren alle ausgeschildert. Wir liefen fast durchgehen auf Waldboden. Da es am Vortag geregnet hatte, waren auch einige tiefe Stellen dabei, wo man aufpassen musste, nicht mit den Füßen komplett im Matsch zu versinken. Genau wie mein Vordermann musste ich zu einigen waghalsigen Sprüngen ansetzen und es gelang mir vorerst, meine Schuhe einigermaßen sauber zu halten. Ferner überholte ich einige Läufer und kämpfte mich bis auf den sechsten Rang vor. Nach drei Kilometern kam ein kurzer Abschnitt auf Asphalt wo die Strecke erreicht worden war, wo Hin-und Rückweg den Wendepunkt umgaben. Nach einer Brücke über die Autobahn folgte eine Linkskurve und der nun wieder auftretende Waldboden bereitete mir einige Probleme. An einer Stelle musste ich ganz nach rechts ausweichen, um einigermaßen sauber zu bleiben. Ich spürte allerdings schon, wie meine Waden immer mehr Dreck aufnahmen. Als es eine kleine Anhöhe hinaufging, waren wir genau neben der Bahnlinie Hamburg-Uelzen wo gerade ein Metronom vorbeifuhr. Nach einer Linkskurve näherten wir uns dem Wendepunkt. Bald konnte ich den ersten Läufer sehen, der mir entgegenkam. Leider verpasste ich es, zu kontrollieren, ob er ein rotes Kreuz auf der Startnummer hatte oder nicht.
Die Momente, als die schnelleren Läufer mir entgegenkamen, waren sehr kritisch, denn auf dem engen Waldweg gab es nur wenige Stellen, wo man nicht in tiefe Pfützen treten musste. Unter den mir entgegenkommenden Teilnehmern zählte ich nur einen weiteren Halbmarathoni. Ich befand mich damit also entweder auf Rang zwei oder drei.
An der Wendestelle befanden sich zwei Streckenposten bei einem aufgebauten Tisch. Hier konnte ich mir einen Becher Wasser nehmen. Ich hatte schon fast sechs Kilometer hinter mir. Auf dem Rückweg wurde die Strecke noch ein bisschen schwieriger, denn nun kam mir das Hauptfeld entgegen. Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich an einer Stelle mit dem rechten Schuh komplett im Dreck versank.
Leider hatte ich die Ferse des rechten Fußes nicht mit einem Pflaster abgedeckt. Die vor zwei Wochen erworbene Blase machte sich nun auch langsam wieder bemerkbar. Ein Pflaster hatte ich zwar dabei, aber ich wollte zunächst wissen, auf welcher Position ich genau lag. Für die ersten Kilometer hatte ich eine Traumzeit von 4:10 Minuten benötigt, aber so langsam ließ ich mit der Geschwindigkeit nach.
An der Stelle, wo Hin- und Rückweg wieder auseinandergingen, stand ein Streckenposten und wies uns den Weg. Es ging wieder über Waldboden und kurz vor dem Sportgelände an einem Bauernhof vorbei. Am Eingang zum Sportplatz war eine Versorgungsstelle aufgebaut, wo ich mir wieder einen Becher Wasser nahm. Da ich mich nicht mehr erinnern konnte, wann genau die Runden um den Sportplatz gelaufen werden mussten, fragte ich bei den Helfern nach. Ich sollte nicht auf das Gelände abbiegen sondern geradeaus weiterlaufen. Damit befand ich mich nun auf der zweiten Runde. Mein Vordermann war mir weit voraus und nur noch auf langen Geraden zu sehen. Ich musste nun ernsthaft aufpassen, mich nicht zu verlaufen.
Es gab einen Läufer, welcher sich etwa hundert Meter hinter mir befand. Einen weiteren „Verfolger“ konnte ich nicht erkennen, wenn ich mich umdrehte. Als ich die Stelle erreichte, wo der Asphaltboden begann, rief mir der Streckenposten zu, dass ich mich auf Position drei befand. Ich kämpfte also nun um einen Podest-Platz und der Läufer hinter mir machte Druck. Langsam spürte ich, dass mir der Marathon vom letzten Sonntag noch in den Knochen steckte.
Erneut überquerte ich die Autobahn und als ich dann an der Bahnstrecke vorbeilief, kam mir wieder ein Metronom entgegen. Ich hatte meinen Vorsprung ein bisschen ausbauen können und nutzte diesen Vorteil, um an den kritischen Stellen, wo die Pfützen fast den ganzen Weg versperrten, in langsamen Gang einen sicheren Pfad zu betreten. Nun konnte ich mich tatsächlich von meiner dritten Position überzeugen, denn vor dem Wendepunkt kamen mir genau zwei Teilnehmer entgegen. Ich konnte den dritten Platz nur dann halten, wenn ich auf den Einsatz eines Pflasters an der Ferse verzichtete, denn die dabei eingelegte Pause hätte mich wertvolle Sekunden gekostet.
Als ich dann den Wendepunkt zum zweiten und letzten Mal erreichte, nahm ich mir wieder einen Becher Wasser. Den Vorsprung auf meinen Hintermann schätzte ich auf etwa 100 Meter ein.
Nun musste ich nur noch den „Rückweg“ zum Sportgelände meistern. Ich zählte dabei die Läufer, welche mir entgegenkamen und sich also hinter mir befanden. Einige klatschten Applaus, andere riefen mir zu, dass ich dritter sei. An der Stelle, wo sich Hin- und Rückweg trennten bestätigte mir der Streckenposten erneut, dass ich mich an dritter Position befände.
Ich wurde nun langsam sicherer, den richtigen Weg zu finden. Hatte ich mich anfangs der zweiten Runde noch umdrehen müssen um zu prüfen, um mein Hintermann mir auch wirklich folgte, so wusste ich jetzt den Weg zum Sportgelände. Als ich erneut den Bauernhof passierte wurde mir klar, dass mir der dritte Platz heute nicht zu nehmen sei. Als ich auf das Vereinsgelände einbog, musste ich die Helfer noch fragen, in welcher Richtung ich um den Sportplatz laufen müsse. Nach dieser Runde beschleunigte ich noch einmal, um eine möglichst gute Zeit zu erzielen. Nach 1:30:52 Stunden überquerte ich die Ziellinie, wo mir eine Helferin ein kleines Paket und zwei Stückchen Traubenzucker aushändigte. Der Kommentator hatte zwar meinen Namen erwähnt und auch die dritte Position, aber als ich im Ziel ankam, war es auffällig still. Niemand kam zu mir und gratulierte mir.
Ich ging zum Getränkestand und nahm mir einen Becher Eistee. Danach setzte ich mich kurz in eines der Zelte. Als ich dieses wieder verließ, kam der Viertplatzierte zu mir und gratulierte mir. Ich teilte ihm mit, dass ich vor einigen Monaten den dritten Platz knapp verpasst hatte und ich nicht noch einmal so etwas erleben wollte. Als wir über die Streckenverhältnisse sprachen, betrachtete ich meine Waden. Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, dass sie komplett verdreckt waren.
Kurz darauf begann die Seigerehrung für den 10,7-Kilometer-Lauf. Die Altersklassen wurden einzeln geehrt. Ein Podest gab es allerdings nicht. Das Paket, welches ich im Ziel erhalten hatte, enthielt ein Kälte-Wärme-Kissen und wurde an alle Finisher verteilt.
Nachdem diese Ehrung vorbei war, holte ich meine Tasche ab und ging duschen. Danach kam ich wieder zurück auf den Sportplatz und unterhielt mich mit einigen anderen Läufern. Als die Siegerehrung für den Halbmarathon begann, war nur noch die Hälfte der Gäste anwesend. Als Teilnehmer der Männer-Hauptklasse bekam ich als erster mein Zeugnis ausgehändigt. Pokale gab es nur für die Sieger der einzelnen Disziplinen. Ich hatte heute zwar einen dritten Platz in der Gesamtwertung gemacht, aber ein Foto von mir auf einem Podest wurde mir verwehrt. Übrigens gab es in meiner Altersklasse noch einen zweiten Teilnehmer, welcher etwa eine Viertelstunde langsamer gewesen war als ich.
Als die Siegerehrung zu Ende war, begab ich mich auf den Heimweg. Ich durfte die dreieinhalb Kilometer zum Bahnhof Winsen mit der Tasche in der Hand wieder zu Fuß zurücklegen. Nach einer halben Stunde Wartezeit am Bahnhof bestieg ich den Metronom nach Hamburg-Harburg, von wo aus ich einen weiteren Metronom nach Hause nahm. Mit leichten Kopfschmerzen kam ich zu Hause an und legte mich schlafen. Erst am nächsten Morgen ging es mir wieder besser.

Montag, 8. Oktober 2012

Marathon Bremen 2012-10-07

Der fünfte Marathon meines Lebens.
Der achte swb-Marathon Bremen.
Für die diesjährige Auflage des Bremer Marathons hatte ich mich bereits wenige Tage nach der letztjährigen Auflage angemeldet – und zwar erneut wieder für die volle Distanz. Das Programm sollte ähnlich ablaufen wie im Vorjahr: Um 9:35 Uhr würde der Zehn-Kilometer-Lauf starten (zu dem sich auch Willi Lemke angemeldet hatte, nachdem er im Vorjahr gar nicht gestartet war), der Marathon zehn Minuten danach und der Halbmarathon um 11:25 Uhr. Die beiden letzteren Strecken sollten dann ab Kilometer 26 zusammengeführt werden.
Das Wochenende lief für mich so ab wie im letzten Jahr: Am Freitagabend holte ich mir im Swiss-Hotel die Startunterlagen ab. Für die Marathonis war wieder ein Trikot dabei. Läufer der anderen Disziplinen hatten jedoch die Möglichkeit, gegen Bezahlung ebenfalls ein solches Exemplar zu erwerben. Am Samstagnachmittag ging ich zur Pasta-Party, da in den Startunterlagen auch Gutscheine für Essen und Getränke enthalten waren. Bei dieser Gelegenheit kam ich mit einigen anderen Sportlern ins Gespräch. An diesen beiden Tagen hatte es teilweise heftig geregnet, aber laut Vorhersagen sollte es am Sonntag überwiegend trocken bleiben. Es wäre das erste Mal gewesen, dass ich einen Marathon im Regen gelaufen wäre.
Am Sonntag stieg ich gegen sieben Uhr auf, duschte und frühstückte ausgiebig. Im Gegensatz zum letzten Jahr entschied ich mich dafür, den Starterbeutel mitzunehmen, da ich noch nicht wusste, welche Ausrüstung ich während des Laufens tragen würde. Auch nahm ich eine leichte Jacke mit, denn ich wollte weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg frieren müssen.
Um kurz vor neun Uhr verließ ich das Haus und ging zur Straßenbahnhaltestelle, wo um sieben Uhr die Linie 2 in Richtung Innenstadt fuhr. Die Startnummer sowie den Zeitmesschip hatte ich bereits zu Hause angelegt. Ich trug das dunkle Trikot vom Münster-Marathon und die etwas älteren Laufschuhe, welche ich vor 15 Monaten zum ersten Mal im Wettbewerb eingesetzt hatte. Ich wollte sie heute zum letzten Mal bei einer Laufveranstaltung tragen und sie danach „in Rente schicken“.
Im Moment war noch keine einzige Wolke am Himmel zu sehen und ich trug daher meine Spezial-Sonnenbrille und eine Kappe. An der Haltestelle „Lloydstraße“ konnte ich an einer Temperaturanzeige erkennen, dass wir im Moment gerade einmal 5°C hatten. Der Lauf sollte also weniger anstrengend werden als der Münster-Marathon vor vier Wochen.
Nach zwanzig Minuten kam die Straßenbahn, welche nicht durch die Fußgängerzone fuhr sondern durch die Westerstraße umgeleitet wurde, am Brill an. Ich stieg aus und ging in die Fußgängerzone der Obernstraße, welche als Start- und Zielgeraden diente. Als ich am Marktplatz ankam, reihten sich gerade die Zehn-Kilometer-Läufer in die Startgeraden ein.
Ich ging zum Zelt, wo die Starterbeutel abgegeben wurden. Ich entschied mich dazu, auf die Kappe zu verzichten und nur die Spezialbrille zu tragen. Danach konnte ich den Start des Zehn-Kilometer-Laufes beobachten. Kurz darauf suchte ich noch eine der mobilen Toiletten auf und dann waren es auch nur noch wenige Minuten bis zum Start des Marathons mit  etwa 1000 Teilnehmern. Auf meiner Startnummer war diesmal die Zielzeit „3:45h“ angegeben. Ich wusste nicht, ob ich selber dafür verantwortlich war oder ob die Organisatoren mir diese Zeit einfach vorgegeben hatten.
Ich betrat die Startgerade von hinten und drängelte mich so weit nach vorne, dass ich zwischen den Pacemakern für 4:00h und 3:45h zu stehen kam. Als der Startschuss ertönte, dauerte es etwa vierzig Sekunden, bis ich die Linie überquert hatte. Die Strecke war exakt die gleiche wie im letzten Jahr. Am Ende der Fußgängerzone wendeten wir um 180° und liefen in die Martinistraße, wo wir auf Höhe der Wilhelm-Kaisen-Brücke die Unterführung benutzen und hinter der großen Bibliothek nach links auf die Wallanlagen einbogen. Hier erblickte ich vor mir einen Läufer, der ebenfalls im Trikot des Münster-Marathon unterwegs war. Allerdings war er wesentlich schneller als ich, weshalb ich ihn nach kurzer Zeit aus den Augen verlor.
Bis jetzt hatte ich für jeden Kilometer ziemlich genau fünf Minuten benötigt. Die logische Konsequenz war, dass ich die Pacemaker für die 3:45h-Marke überholte und ein bisschen Ausschau hielt nach den Tempomachern für 3:30h.
An der Bürgermeister-Smidt-Straße wurden die Wallanlagen wieder verlassen. Wir passierten erneut den Brill und liefen diesmal geradeaus über die gleichnamige Brücke, wo nur die linke Hälfte für die Läufer gesperrt war. Dabei wurden wir von zahlreichen Zuschauern begutachtet und angefeuert.
Auf der anderen Seite der Weser bogen wir in die Westerstraße ein und liefen bis zur Wilhelm-Kaisen-Brücke, wo wir aber nur die Hälfte der Weser überquerten und links auf die Halbinsel in die Werderstraße einbogen. Hier befand sich der erste Verpflegungspunkt, wo ich mir einen Becher Wasser nahm. Nachdem wir die Hochschule hinter uns gelassen hatten, wurde es ruhiger, denn wir hatten nun ein Gebiet mit Schrebergärten zu durchqueren. Das Weserstadion war von weitem sichtbar.
Als wir das südliche Ufer der Insel erreichten, bogen wir rechts ab, um bis zu einer Brücke in Richtung Westen zu laufen, die uns auf das Festland südlich der Weser führen sollte. Da es von dort aus wieder in Richtung Osten nach Habenhausen ging, hatte ich die Möglichkeit, von der Weserinsel aus die Läufer vor mir zu beobachten, welche am anderen Ufer in die entgegengesetzte Richtung liefen. Ich wollte wissen, welchen Vorsprung die 3:30h-Pacemaker hatten und betrachtete das andere Ufer genau. Ich konnte lediglich einen einzigen Typen mit Luftballon erkennen, und da dieser Luftballon an einer relativ kurzen Schnur hing war er gar nicht so einfach zu erkennen. Ich merkte mir den Moment, als der Läufer einen bestimmten Ort erreicht hatte und schaute auf die Uhr. Dann erreichte ich die Brücke und lief auf die andere Seite. Hier war eine Musikanlage aufgebaut und auch ein Kommentator unterhielt die vielen Zuschauer. Mein Rückstand auf den Pacemaker betrug etwa 90 Sekunden.
Wie im letzten Jahr hatte ich etwas die Orientierung verloren und wunderte mich, dass das Weserstadion nun bald zu unserer linken Seite auftauchte. Nachdem wir einige Kilometer am Deich entlanggelaufen waren, erreichten wir den Ortsteil Obervieland, wo uns die Anwohner applaudierten. An einer Versorgungsstelle nahm ich mir neben einem Becher Wasser auch ein Stück Banane, welches jedoch so zermatscht war, dass ich mich nach diesem „Genuss“ beinahe übergeben hätte.
Zwischen zwei großen Kirchengebäuden wurde dann der Stadtteil wieder verlassen und das östliche Ende der Weser-Halbinsel abgelaufen. Hier war erneut eine Stelle, wo man das Feld vor sich betrachten konnte. Ich erkannte, dass der Rückstand auf den 3:30h-Pacemaker nur noch etwa 80 Sekunden betrug.
Diese Radwanderwege waren zwar etwas eng, aber das Teilnehmerfeld war inzwischen weit auseinandergezogen. Platz war also genug vorhanden. Beim folgenden Verpflegungsstand nahm ich mir neben einem Becher Wasser noch ein Stückchen Apfel. Schließlich überquerten wir die Weser auf Höhe des Weserwehrs mittels einer kleinen Fußgängerbrücke. Auf der anderen Seite befand sich der Osterdeich, auf den wir links einbogen. Nur eine Spur war für die Läufer vorgesehen, auf der anderen Seite rollte der Autoverkehr. Noch vor dem Weserstadion bogen wir links ab in eine Gartensiedlung am Weserufer, wo wir unter der Hastedter Brücke durchliefen und dahinter wieder rechts in Richtung Osterdeich abbogen. Eine Unterführung brachte uns schließlich auf die andere Seite dieser Hauptverkehrsstraße, wo wir nun Hastedt von Süd nach Nord durchquerten.
Unter dem Jubel zahlreicher Zuschauer kreuzte das Teilnehmerfeld zunächst die Schienen der Straßenbahnlinie 3, danach die Schienen der Linien 2 und 10. Weiter nördlich musste ein Bus der Linie 25 wegen uns warten. Danach unterquerten wir eine Brücke mit den Schienen der Bahnlinien in Richtung Hannover und Osnabrück. Viele der applaudierenden Zuschauer besaßen zusammenfaltbare Karten der Marathonstrecke, welche dieses Jahr leider nicht in den Startunterlagen enthalten gewesen waren.
Eine von Verkehrssperrung nicht betroffene Hauptverkehrsader war die Kurfürstenallee, unter welcher ein enger Tunnel hindurchführte, den wir Läufer zu nehmen hatten. Wie letztes Jahr wurde hier unten Techno-Musik abgespielt. Auf der anderen Seite angekommen ging es weiter in Richtung Schwachhauser Heerstraße, welche wir bald erreichten. Hier liefen wir neben den Straßenbahnschienen der Linien 1 und 4 in Richtung Horn-Lehe. An dem Punkt, wo die Linie 1 rechts abbiegen sollte, liefen wir weiter geradeaus und überquerten damit die Schienen, weshalb die von rechts ankommenden Bahnen der Linie 1 sowie die Fahrzeuge beider Linien in Richtung Norden warten mussten.
Nach wenigen Kilometern verließen wir die Straße mit den Schienen und machten einen Abstecher nach rechts in Richtung Rhododendronpark. Kurz bevor wir diesen erreichten, hatten wir die Halbmarathondistanz überwunden und ein Messgerät nahm unsere Zwischenzeiten auf. Ich hatte für die Hälfte der Strecke annähernd 105 Minuten benötigt. Ich merkte aber langsam auch, wie meine Beine schwerer wurden.
Nachdem wir den Rhododendronpark kurz durchlaufen hatten, ging es wieder zurück zur Straßenbahnlinie. Wir waren inzwischen im Stadtteil Horn-Lehe angekommen. Hinter der Brücke mit den Schienen der Bahnlinie in Richtung Hamburg folgte eine Linkskurve, die uns in Richtung Berufsbildungswerk führte. Der Himmel hatte sich inzwischen verändert: Es waren Wolkenmassen aufgezogen und ich hatte nun erstmals die Möglichkeit, meine Spezial-Sonnenbrille für längere Zeit abzusetzen.
Als wir das Berufsbildungswerk passiert hatten ging es nach links auf die Universitätsallee. Zwar war nur die eine Hälfte der breit angelegten Straße für die Läufer reserviert, aber die Autofahrer, welche von der anderen Seite auf den Autobahnzubringer zur A27 gelangen wollten, mussten sich mit dem Abbiegen gedulden, weshalb sich eine lange Schlange bildete.
Für mich ging es weiter geradeaus, an der Universität vorbei und dann in die Linkskurve, am Hotel Munte sowie am Stadtwald vorbei. Es war inzwischen 11:50 Uhr, ich war also seit über zwei Stunden unterwegs. Bisher hatte ich pro Kilometer ziemlich genau fünf Minuten benötigt.
Nachdem die Bahnlinie Bremen-Hamburg erneut unterquert wurde, befand sich rechts von uns der Bürgerpark. Hier war die Stelle, wo der Marathon- und der Halbmarathonkurst zusammentrafen. Die Halbmarathonis liefen auf der anderen Seite der Parkallee von Süd nach Nord und machten dann eine 180°-Kurve, um auf unserer Seite dann wieder zurück in Richtung Innenstadt zu gelangen. Wir Marathonis musste einfach nur geradeaus weiterlaufen. Ich konnte sehr schnell erkennen, wie dicht das Feld der ankommenden Halbmarathonläufer war. Dank meiner Geschwindigkeit traf ich genau mit dem Hauptfeld zusammen. Letztes Jahr war ich wesentlich langsamer unterwegs gewesen und daher erst am Ende des Halbmarathonfeldes am Bürgerpark angekommen.
Mir blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand so hinzunehmen und zu versuchen, mein Tempo zu halten. Ich überholte anfangs vieler der Halbmarathonläufer. Auch die Zuschauer waren hier wieder zahlreicher. Schließlich bogen wir rechts in den Bürgerpark ein, den wir einmal komplett von Ost nach West durchquerten. Auf der anderen Seite ging es nach links bis auf Höhe der Bürgerweide und nach einer 180°-Kurve wieder zurück. Zwischen diesen beiden Geraden lag der Torfkanal. Diese Konstellation gab mir erneut die Möglichkeit herauszufinden, wie groß mein Rückstand auf den 3:30h-Pacemaker war. Er betrug nun etwa zwei Minuten.
Am Ende der zweiten Geraden bogen wir zunächst links ab in den Utbremer Ring und später erneut links in die Hemmstraße. Hier war es richtig laut. Einige Trommler und Schlagzeuger sorgten für Stimmung und auch an Zuschauern mangelte es nicht. Als uns ein Rettungswagen mit Sirene entgegenkam, musste wir alle auf die rechte Spur ausweichen. Unglücklicherweise geschah dies genau in dem Moment, als ich einen Versorgungspunkt erreicht hatte. In der dichten Läufermasse gelang es mir daher nicht, einen Becher Wasser zu ergattern.
Am Ende der Straße folgte die Fußgängerunterführung, welche uns in den Stadtteil Utbremen führte. Hier hatte ich letztes Jahr den Pacemaker für die Vier-Stunden-Marke überholt, dem ich heute schon weit voraus war. Kurz vor halb zwölf Uhr kam ich an den Straßenbahnhaltestellen Haferkamp und Hansestraße vorbei. Ich hatte einer Frau, die ich vier Tage zuvor bei einer Metronom-Fahrt kennengelernt hatte, nahe gelegt, um halb zwölf Uhr an diesem Ort zu sein, falls sie mich sehen wollte. Obwohl ich die Zuschauer aufmerksam beobachtete, konnte ich sie nicht erblicken. An dieser Stelle möchte ich ihr heute, einen Tag nach dem Marathon, ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren.
Der Weg führte nun in die Hansestraße, wo an Wochenenden zahlreiche LKWs einen unerträglichen Lärm verursachen. Bei einem kurzen Abstecher nach rechts zum Speicher 1 in der Überseestadt liefen wir durch ein schmales Gebäude hindurch. Auf der anderen Seite wurde Musik für uns gespielt. Nach dem Wendepunkt, dem westlichsten Punkt der Strecke, ging es durch die Überseestadt in Richtung Weserufer, an die Schlachte.
Meine Beine wurden langsam richtig schwer und zudem stellte sich großer Hunger ein. Mein bisheriges Tempo konnte ich nicht mehr halten, daher drosselte ich die Geschwindigkeit extrem.
Wir erreichten des westliche Ende der Schlachte und liefen von hier aus kilometerlang neben der Weser. Zunächst unterquerten wir die Eisenbahn- und die Autobahnbrücke, danach die Bürgermeister-Smidt- sowie die Wilhelm-Kaisen-Brücke. Die Zuschauer hier ließen uns gerade noch genug Platz zum Durchkommen.
Hinter der letzten Brücke ging es weiter geradeaus die Weserpromenade entlang. Das Weserstadion lag nun vor uns. Die meisten Wolken hatten sich inzwischen wieder verzogen und daher setzte ich die Sonnenbrille wieder auf. Neben dem Halbmarathonkurs war auch die Strecke des Zehn-Kilometer-Laufes von nun an mit unserer Strecke identisch, weshalb ich jetzt pro Kilometer drei Hinweisschilder hatte, an denen ich mich orientieren konnte.
Im Weserstadion drehten wir eine halbe Runde auf der Laufbahn und verließen es wieder auf der anderen Seite. Nach einem Versorgungspunkt ging es wieder nach Westen in Richtung Innenstadt. Wir mussten eine Rampe mit beträchtlicher Steigung meistern, welche uns auf den Osterdeich führte. Hier war wieder nur die linke Seite für die Läufer reserviert, rechts fuhren Autos an uns vorbei.
Gerade kurz vor dem Ziel hätte ich mir gewünscht, über den aktuellen Kilometerstand gut informiert zu werden, aber ich konnte keines der Schilder sehen. Stattdessen waren immer mehr Polizisten neben der Strecke, um den Verkehr zu regeln. Als wir wieder den Innenstadtgürtel erreicht hatten und die Unterführung in der Martinistraße durchliefen, sagte der Sprecher, dass es nun noch ein Kilometer sei. Ich schaute auf meine Uhr: Bis jetzt hatte ich drei Stunden und 35 Minuten gebraucht. Ich wollte den Marathon wenigstens noch in einer Zeit unter 3:40h absolvieren und erhöhte daher meine Geschwindigkeit. Dies war gar nicht so einfach, denn die Überholmanöver wurden riskanter: Die Zuschauer ließen uns nur wenig Platz und immer wieder huschten einige von ihnen über die Laufstrecke. Als der Punkt erreicht war, wo wir wieder auf die Zielgeraden in der Fußgängerzone einbogen, war wieder ein bisschen mehr Platz vorhanden. Ich lief auf den Straßenbahnschienen so schnell ich konnte und winkte nebenbei den Zuschauern noch zu. Je näher ich dem Ziel kam, umso enger wurde jedoch der Raum. Am Ende musste gerade mal eine Straßenbahnschiene ausreichen.
An der Digitalanzeige sah ich, dass meine Bruttozeit beim Überqueren der Linie tatsächlich unter 3:40h lag. Damit hatte ich mich, verglichen mit meiner bisherigen Marathonbestzeit aus dem Vorjahr, um etwa eine Viertelstunde verbessert. Mehrere Helfer mit Medaillen standen bereit, aber nur eine der Personen hatte die Exemplare mit dem roten Band. Die Medaillen mit dem grünen Band waren für den Halbmarathon reserviert. Ich ließ mir von der Dame ein Marathon-Exemplar umhängen. Dieses Jahr war es eckiger und von goldener Farbe. In der Mitte war der Bremer Roland eingraviert, rechts davon stand „8. swb-Marathon Bremen“ und links „7. Oktober 2012“. Unter dem Roland war zu lesen: „42,195km“.
Ich stellte mich nun bei den Getränken an, wo ich mir zwei Becher mit Apfelsaft nahm. Danach bekam ich an einem weiteren Stand noch eine Laugenbrezel. Meine Starterbeutel konnte ich schnell wieder abholen. Da die meisten Straßensperrungen inzwischen aufgehoben sein sollten, ging ich zur Haltestelle Domsheide, wo ich eine Bahn der Linie 2 nach Gröpelingen nahm. Hinter der Umleitung durch die Westerstraße konnte die normale Strecke angefahren werden. An der Haltestelle Haferkamp erblickte ich eine Marathon-Läuferin, hinter der die Helfer die Verkehrshütchen einsammelten. Offenbar handelte es sich hier um die langsamste aller verbliebenen Läuferinnen. Die Temperatur betrug inzwischen übrigens 10°C.
Gegen 14:30 Uhr kam ich mit starkem Muskelkater wieder zu Hause an.

Montag, 1. Oktober 2012

Halbmarathon Zeven 2012-09-30

Der sechsundfünfzigste Halbmarathon meines Lebens.
Der 4. Zevener Stadtlauf.

Aus Mangel an Alternativen blieb mir an diesem Wochenende, an dem auch der Berlin-Marathon stattfand, keine andere Möglichkeit, als in der tiefsten Provinz einen Halbmarathon zu laufen.

Zeven liegt etwa 45 Kilometer nordöstlich von Bremen. Vom Schienenverkehr ist der Ort weitgehend abgeschnitten, denn die nächsten Bahnhöfe (Tostedt, Scheeßel, Bremervörde) liegen alle mindestens 20 Kilometer entfernt. Unter der Woche verkehrt vom Bremer Hauptbahnhof aus einmal pro Stunde ein Überlandbus in etwa 80 Minuten nach Zeven. Am Wochenende fahren jedoch deutlicher weniger Busse.

Da man die Startunterlagen am Veranstaltungstag spätestens eine Stunde vor dem jeweiligen Startschuss abholen musste, war ich gezwungen, schon am Samstag einmal nach Zeven zu fahren und bei dieser Gelegenheit die Sachen abzuholen, denn am Sonntag sollte der früheste Bus erst kurz vor dem Halbmarathonstart in Zeven ankommen.

Ich stieg also gegen 14:30 am Samstag in den Bus ein und fuhr damit über eine Stunde lang. Die Unterlagenausgabe sollte im Rathaus sein und einige andere Passagiere erklärten mir, dass dieses Rathaus am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) sein würde. An dieser Haltestelle stieg ich dann aus. Das Rathaus befand sich direkt vor Ort und ich bekam dort die Nummer mit den Transpondern für beide Schuhe ausgehändigt. Auf Nachfrage erklärte man mir, dass Start- und Zielgeraden sowie Kleiderabgabe auch hier am bzw. im Rathaus sein würde. Ich musste am folgenden Tag also auch an dieser Haltestelle aussteigen.

Auf der Rückfahrt ging es mir nicht gut. Vom vielen Zeitschriftenlesen bekam ich Kopfschmerzen. Ich hatte seit dem (ausgiebigen) Frühstück keine Nahrung mehr zu mir genommen. Als ich wieder zu Hause war, aß ich nur ein bisschen Obst und legte mich gegen halb neun Uhr ins Bett. Ich zweifelte ernsthaft daran, ob es sinnvoll sei, morgen wirklich mitzulaufen. Ich wusste aber, dass man trotz der geringen Startgebühren von zehn Euro im Ziel eine Finishermedaille bekommen würde, und dieser Gedanke motivierte mich. Andererseits machte mir die Verkehrsanbindung Sorgen: Der Halbmarathon sollte um 12:15 Uhr starten, der Bus von Zeven nach Bremen um 14:23 Uhr am ZOB abfahren. Sollte es mir also so schlecht gehen, dass ich in einer Zeit von zwei Stunden das Rennen absolvieren würde, so bliebe zum Duschen danach keine Zeit mehr übrig. Dieser Bus um 14.23 Uhr war einer von lediglich drei Bussen, die sonntags von Zeven nach Bremen fuhren. Auf den nächsten Bus hätte ich viereinhalb Stunden warten müssen.

Obwohl ich nachts einige Male wach wurde, schlief ich doch relativ gut. Verglichen mit anderen Halbmarathon-Sonntagen konnte ich diesmal richtig lange schlafen. Um kurz nach acht Uhr stieg ich auf und duschte zunächst. Mit dem Frühstücken ließ ich mir Zeit, denn meine Appetitlosigkeit war immer noch nicht ganz überwunden. Trotzdem aß ich aber genauso viel wie an jedem anderen Morgen vor einem Wettkampf.

Nachdem ich meine Tasche gepackt hatte, ging ich zur Haltestelle. Kurz nach zehn Uhr startete die Straßenbahn zum Hauptbahnhof, wo ich um halb elf Uhr den ersten Bus in Richtung Zeven nahm. Nur die späte Zeit, zu der der Halbmarathon startete, hatte mir überhaupt die Teilnahme erst ermöglicht. Diesmal stellte ich es schlauer an: Anstatt Zeitschriften zu lesen, nahm ich meinen MP3-Player heraus und hörte während der eineinhalbstündigen Fahrt Musik. Es ging mir gesundheitlich inzwischen wesentlich besser. Etwa zwanzig Minuten, bevor der Bus den Zielort erreichte, packte ich mein mitgebrachtes Bort aus und verzehrte es. Eine Wasserflasche hatte ich leider zu Hause vergessen.

Als wir Zeven erreichten, sah ich bereits die erste Läufer, welche sich auf der Straße warmliefen. Am ZOB stieg ich aus. Man konnte schon sehen, dass hier eine große Veranstaltung war. Ich ging zunächst neben das Rathaus und nahm den letzten Feinschliff meiner Ausrüstung vor. Neben Taschentüchern und Pflastern setzte ich die Spezial-Sonnenbrille auf, denn Wolken waren fast keine am Himmel. Obenrum trug ich das weiße Trikot vom Otterndorf-Marathon.

Die Taschenabgabe war im Rathaus und wurde von Bundeswehr-Soldaten organisiert. Als ich auf die Toilette ging, nutzte ich die Gelegenheit, um meinen Mund noch einmal unter den Wasserhahn zu halten, denn die Wasserflasche hatte ich ja vergessen. Dann lief ich mich in der Fußgängerzone, welche als Start- und Zielgeraden diente, kurz warm. Im Rathaus schaute ich mir auf einem Flyer noch einmal die Strecke an: Die Halbmarathonis mussten drei Runden zu je sieben Kilometern absolvieren, die Zehn-Kilometer-Läufer, welche mit uns zusammen starteten, hatten zwei Runden mit je fünf Kilometern zu meistern. Von den Helfern hatte ich erfahren, dass es für den Halbmarathon, die längste Disziplin des Stadtlaufes, 67 Voranmeldungen gegeben hätte.

Ich ging nun zum Starterfeld, welches von der Größe her sehr übersichtlich war. Es befand sich am Anfang der Fußgängerzone, direkt neben dem Rathaus. Der Startschuss ertönte, als meine eigene Armbanduhr gerade auf 12:14 Uhr und 15 Sekunden stand. Dies hatte ich dann bei der Berechnung meiner Ziel-Zeit zu berücksichtigen.

Ich arbeitete mich im Feld sehr schnell nach vorne. Der Weg führte am ZOB und an einem kleinen Park vorbei, und nach einigen hundert Metern ging es nach rechts in eine Seitenstraße. Ich merkte langsam, wie gut mir das Laufen tat. Bis jetzt war es die richtige Entscheidung gewesen, hier teilzunehmen.

Das erste Kilometerschild übersah ich, beim zweiten erkannte ich die Struktur: Gemäß den drei zu absolvierenden Runden stand hier: „KM 2, 9, 16 für HM; KM 2, 7 für 10KM“. Meine Zwischenzeit war nur wenig über acht Minuten, aber ich wusste, dass ich dieses Tempo nicht auf Dauer halten konnte.

An den Abzweigungen standen überall Streckenposten, meist waren es Soldaten, die uns den Weg anwiesen. Kurz vor dem nordöstlichsten Punkt der Strecke wurde ein unbeschrankter Bahnübergang überquert und nach einer Drehung mussten die Schienen ein paar Meter weiter entfernt erneut überquert werden. Wir befanden uns inzwischen außerhalb des kleinen Örtchens Zeven. Ich war im Moment auf Augenhöhe mit einer Zehn-Kilometer-Läuferin, die ich an ihrem roten Nummernschild erkannte, denn die Halbmarathonis trugen schwarze Schilder. Wir überholten uns abwechselnd und erhöhten damit gegenseitig unsere Geschwindigkeiten. Die Straßen waren übrigens für den Autoverkehrt nicht gesperrt, es galt also, aufzupassen.

Nachdem wieder ein Wohngebiet erreicht worden war, passierten wir den ersten Versorgungspunkt, wo ich mir einen Becher Wasser nahm. Kurz darauf kam der Verzweigungspunkt, wo die Strecke des Zehn-Kilometer-Laufs und die des Halbmarathons sich trennten. Teilnehmer der ersteren Disziplin mussten rechts abbiegen, ich dagegen links. Wäre ich nicht so aufmerksam gewesen, so hätten mich die verschlafenen Helfer in die falsche Richtung geschickt.

Nun war ich zum ersten Mal relativ einsam auf der Strecke, denn mein Vordermann hatte einen Vorsprung von etwa 100 Metern und bei der nächsten Abzweigung verlor ich ihn aus den Augen. Der Weg führte nun durch ein Wohngebiet mit schönen Häusern und Gärten. Bei der nächsten Rechtskurve machten mich die Soldaten darauf aufmerksam, dass ich nicht direkt rechts abbiegen durfte, sondern den abgesperrten Verkehrskreisel einmal komplett umlaufen musste. Nach einer weiteren Rechtskurve passierte ich einen Streckenposten, der weniger aufpasste, dafür aber mehr mit dem Lesen eines Buches beschäftigt war. Ich kam nun an den Punkt, wo sich vorher die beiden Strecke getrennt hatten, allerdings von entgegengesetzter Richtung, so dass ich also links abzubiegen hatte um dann in Richtung Innenstadt zu gelangen, in die Straße, in welche die Zehn-Kilometer-Läufer vorher eingebogen waren. Nun war ich wieder nicht mehr so alleine auf der Straße, da beide Gruppen nun wieder vereinigt wurden. Nach einigen Kurven erreichte ich das Ende der Fußgängerzone, wo ich schließlich die Ziellinie überquerte und damit die erste Runde beendet hatte. Erfreulicherweise hatte ich dafür weniger als 30 Minuten benötigt. Auf Nachfrage durfte ich mir einen Becher Wasser gönnen. Es gab somit also insgesamt zwei Versorgungspunkte auf der gesamten Strecke.

In der zweiten Runde durfte ich nun erst einmal einige der Zehn-Kilometer-Läufer überholen. Als ich dann die Stelle vor mir hatte, wo die Eisenbahnlinie zum ersten Mal überquert wurde, hörte ich aus einem nicht-einsehbaren Gebiet ein merkwürdiges Pfeifen. Sollte etwa jetzt gerade ein Zug vorbeifahren? Dann galt es, schnell zu sein, um noch vor diesem Zug die Gleise zu erreichen, denn ich hatte keine Lust, einige Sekunden Zeit zu verlieren, falls ich am Bahnübergang zum Anhalten gezwungen sein würde. Als ich die Schienen noch rechtzeitig erreichte, sah ich tatsächlich von rechts eine Dampflok herankommen. Sie hatte auch einige Waggons, die schätzungsweise aus dem vorletzten Jahrhundert waren. Erst später erfuhr ich, dass an diesem Wochenende in Zeven ein „Eisenbahn-Tag“ war. Die Läufer hinter mir hatten Pech und mussten warten.

Als ich hinter der Versorgungsstelle wieder den Punkt erreichte, wo die beiden Strecke sich trennten, sah ich von vorne einen Halbmarathon-Läufer, welcher aus meiner Perspektive rechts einbog und von einem Fahrrad begleitet wurde. Handelte es sich bei diesem Läufer etwa um den Führenden im Halbmarathon? Wenn ja, so war er mir gerade einmal zwei Kilometer voraus. Als ich dann nach links abbog, war ich ganz allein auf der Strecke, ich konnte weder meinen Vorder- noch meinen Hintermann erblicken. Der Rest dieser zweiten Runde verlief ohne Probleme und als ich mir hinter der Ziellinie wieder einen Becher Wasser nahm, stellte ich fest, dass ich für diese ersten 14 Kilometer weniger als eine Stunde benötigt hatte. Eine neue Bestzeit war zwar nicht mehr möglich, eine Zeit unter 90 Minuten aber schon.

Da es beim Zehn-Kilometer-Lauf keine dritte Runde gab, war ich nun richtig alleine unterwegs. Ich konnte mich an keinem Vordermann orientieren, aber die Strecke kannte ich inzwischen. Die Streckenposten waren auch immer noch da. Hinter dem Bahnübergang holte ich ein neues Taschentuch aus meiner Packung und versuchte dabei, die beiden beiliegenden Pflaster nicht zu verlieren. Leider fiel mir dabei eines der beiden letzten Taschentücher auf den Boden. Ich wollte keine Zeit verlieren und ließ es deshalb liegen. Später musste ich mir daher auf der Toilette Klopapier als Ersatz nehmen.

Hinter dem Verzweigungspunkt hörte dann die Einsamkeit aber auf, denn ich erreichte die langsamsten der Halbmarathonläuferinnen und -läufer, welche auf ihrer zweiten Runde waren. Zwei von ihnen klatschen Applaus, als ich sie überrundete. Erst später fiel mir ein, dass ich die beiden Damen hätte fragen können, auf welcher Position ich gerade sei, denn es war möglich, dass sie mitgezählt hatte, wie oft sie auf der dritten Runde schon überholt worden seien.

Meine rechte Ferse begann ein bisschen zu schmerzen, aber es war nicht so schlimm, dass ich eines der Pflaster hätte einsetzen müssen. Als ich dann wieder die Fußgängerzone erreichte, wurde mir klar, dass ich heute eine Zeit von unter 90 Minuten erreichen würde. Als ich die Ziellinie überquerte, nannte die Kommentatorin meinen Namen und erwähnte eine Zeit von einer Stunde, dreißig Minuten und dreißig Sekunden. Ein Helfer hängte mir die Medaille um, die ich zunächst gar nicht betrachten konnte, denn ich spürte fürchterliches Seitenstechen. Ich musste mich bücken und etwa eine Minute abwarten, dann waren die Schmerzen vorbei.

Nun nahm ich mir Wasser und ein alkoholfreies Radler zu trinken. Langsam fiel mir wieder ein, dass ja schon in einer halben Stunde mein Bus losfahren würde und ich ging daher schnell ins Rathaus, um meine Tasche abzuholen. Einige Helfer zeigten mir den Weg zu den Duschen, welche 200 Meter entfernt lagen. Die Duschen hatte ich zunächst für mich allein, erst als ich mich wieder anzog, kamen andere Sportler vorbei. Nun erst betrachtete ich die Medaille genauer: Sie hing an einem rot-weißen Band und gehörte zu der Sorte von Standardmedaillen, auf denen keine Gravur, sondern ein Aufkleber mit der Aufschrift „4. Zevener Stadtlauf 2012“ zu finden war. Schade, dass man das genaue Datum nicht angegeben hatte.

Ich hatte so viel Zeit, dass ich sogar noch einmal ins Rathaus gehen und nach meiner Urkunde fragen konnte. Leider war diese noch nicht fertig, im Internet sollte sie aber auch verfügbar sein. Dann verabschiedete ich mich und ging zum ZOB. Dort kam der Bus pünktlich an. Ich hörte erneut MP3-Player während der Fahrt. Vom Bremer Hauptbahnhof aus nahm ich Straßenbahn nach Hause, wo ich zwischen 16 und 17 Uhr ankam.

Ich fühlte mich keineswegs schlecht. Es war eindeutig die richtige Entscheidung gewesen, heute in Zeven anzutreten.