Der dritte Halbmarathon meines Lebens.
Der Vattenfall-Halbmarathon von Berlin: Ich hatte mir in der „Winterpause“ erstmals richtige Laufschuhe gekauft, da ich inzwischen erkannt hatte, dass ich wohl den Rest meines Lebens laufen würde, solange dies körperlich möglich war. Auch einen eigenen Champion-Chip hatte ich inzwischen erworben, für Berlin hatte ich bei der Anmeldung allerdings noch einen zum Ausleihen beantragt. Es handelte sich hierbei um einen reinen Halbmarathon. Der real-Marathon von Berlin sollte Ende September stattfinden.
Der Berliner Halbmarathon war in vielerlei Hinsicht, insbesondere auf seine Größe, etwas Besonderes: Zählt man alle Anmeldungen, also Läufer, Skater, Handbiker usw. zusammen, so kam man auf 26.000 Anmeldungen. Mehr Teilnehmer waren nicht zugelassen, weshalb nach dem Erreichen dieser Zahl keine Anmeldung mehr möglich war. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei um den größten Halbmarathon in Deutschland handelte. Auch die Startgebühr war rekordverdächtig: 36€ musste jeder Starter bezahlen, bei mir kamen noch einmal 6€ als Leihgebühr für den Champion-Chip dazu. Für mich persönlich wurde es überhaupt ziemlich teuer: Da Berlin außerhalb meines Semesterticket-Einzugsbereiches liegt, musste ich für die Bahnfahrt bezahlen: 29€ für die Hinfahrt und noch einmal 29€ für die Rückfahrt. Für die Übernachtung wählte ich das Ostel aus, wo eine Nacht in einem Mehrpersonenzimmer nur 15€ kostete. Dieses lag direkt neben dem Ostbahnhof, wo ich am Samstagabend mit dem ICE ankommen sollte. Der Startpunkt des Halbmarathons, der Alexanderplatz, war auch nur zwei S-Bahn-Stationen vom Ostbahnhof entfernt.
Da ich die Fahrt nach Berlin so gebucht hatte, dass ich erst gegen 23:30 Uhr am Ostbahnhof ankommen würde, gab es ein Problem mit dem Abholen der Startunterlagen. Diese wurden nämlich auf der „Vital-Messe“ ausgegeben, welche sich beim Flughafen Tempelhof befand, also ein ganzes Stück vom Alexanderplatz entfernt. Dabei wurde geraten, die Unterlagen nicht erst am Sonntag abzuholen, weil dies zu langen Wartezeiten führen würde. Zum Glück war es möglich, zur Abholung der Unterlagen eine andere Person einzusetzen, solange diese eine schriftliche Ermächtigung vorweisen konnte. Ich schrieb daher einen Zettel, auf dem ich meinen Ex-Mitbewohner X*, welcher in Berlin-Marzahn wohnte, ermächtigte, an meiner Stelle die Startunterlagen abzuholen. Er sollte mich am Samstagabend am Ostbahnhof abholen und mir die Sachen übergeben.
Dass ich für einen Halbmarathon so viel Geld ausgebe, ist eher eine Ausnahme. Ich betrachtete dieses Sportereignis jedoch auch als Gelegenheit, einen großen Teil der Innenstadt von Berlin zu sehen zu bekommen – und zwar ohne den Lärm der dort fahrenden Autos.
Am Samstagabend kam ich schließlich am Berliner Ostbahnhof an. Der Zug hatte keine Verspätung und mein Ex-Mitbewohner erwartete mich am Gleis 1. Wir begrüßten uns, und dann begleitete er mich zum Ostel, welches keine 100 Meter entfernt war. Der Weg dorthin führte jedoch zum Hinterausgang des Bahnhofs, weshalb wir durch den kompletten Durchgang der Bahngleise mussten. Dort kamen uns etliche sturzbetrunkene Passanten entgegen, die wohl zur S-Bahn wollten. Am Ostel gab mir X die Startunterlagen, unter denen auch ein blaues Trikot mit der Aufschrift „30. Berliner Halbmarathon, 28.3.2010, Vattenfall“ war. Dies rechtfertigte wenigstens einigermaßen das hohe Startgeld. Leider teilte mir X mit, dass er am Sonntagnachmittag keine Zeit für mich haben würde. Ich hatte gehofft, mit ihm zusammen essen zu gehen, und bedauerte sehr, dass ich nun die Zeit anderweitig verbringen musste. Dann verabschiedete er sich von mir und ich betrat das Verwaltungsgebäude des Ostel.
An der Rezeption bekam ich einen Schlüssel für das Zimmer sowie einen für mein Schließfach in eben diesem Zimmer, welches sich in einem anderen Gebäude befand. Als ich dieses betrat und in den zweiten Stock ging, wurde mir schon ein bisschen unheimlich: Die Treppe machte keinen guten Eindruck, ich hatte das Gefühl, dass sie jeden Augenblick einstürzen könnte. Ich betrat das Zimmer: Es befanden sich drei Doppelstockbetten darin, also insgesamt sechs Schlafplätze, von denen einer bereits belegt war. Deshalb verhielt ich mich so ruhig wie möglich und machte auch nicht das Licht an. Das nach der Nummerierung für mich vorgesehene Bett war allerdings schon benutzt, wie ich an seinem Zustand erkannte. Es hatte wohl seit mindestens einer Nacht jemand darin gelegen. Dieser jemand würde heute wohl wieder hier schlafen, die Frage war nur, wann er hierherkam. Ich überlegte daher, ob ich mich in ein anderes Bett legen sollte. Aber ich wusste ja nicht, welches Bett dieser Jemand freigelassen hatte. So blieb mir nichts anderes übrig, als die Gegenstände auf dem Bett auf den nebenstehenden Tisch zu legen und nun selber das Bett in Anspruch zu nehmen. Mir war von vornherein klar, dass ich eine kurze Nacht vor mir haben würde, da auch noch die Umstellung auf Sommerzeit bevorstand. Nachdem ich mein Gepäck im Schließfach verstaut hatte, legte ich mich hin und versuchte zu schlafen. Dies fiel mir ziemlich schwer.
Irgendwann in der Nacht kam einer der Zimmergenosse. Ich sprach ihn auf das belegte Bett an und er sagte mir, dass er und seine Freunde u.a. genau dieses Bett gebucht hätten. Sein Kollege würde allerdings sowieso erst gegen morgen früh auftauchen.
Ein paar Stunden später tauchte dieser Kollege tatsächlich auf. Er musste mich nicht wecken, denn wenn ich es einmal fertigbrachte, ein bisschen zu schlafen, so war dieser Schlaf nicht besonders tief. Als er darauf bestand, dass dies „sein“ Bett sei, wollte ich ihm meinen Schlüssel als Beweis zeigen, doch er lehnte ab und legte sich in ein anderes Bett.
Am nächsten Morgen stand ich gegen 9:00 Uhr (Sommerzeit) auf und ging in das Badezimmer, welches zu unserem Zimmer gehörte und von diesem durch eine Tür abgegrenzt war. Dort duschte ich und anschließend leerte ich mein Schließfach, um meine Tasche zu packen. Um meine Zimmerkollegen nicht zu stören, frühstückte ich mein mitgebrachtes Vollkornbrot auf dem Flur vor dem Zimmer. Ich hatte ein Messer, eine kleine Packung Rama und Salami-Aufschnitt nach Berlin mitgebracht.
Als ich fertiggefrühstückt hatte, ging ich an die Rezeption und gab dort meine Tasche ab. Ich nahm nur den Kleiderbeutel des Sportveranstalters mit und packte darin alles ein, was ich für den Halbmarathon brauchte. Dann ging ich zum Ostbahnhof, dessen Haupteingang ich nun auch einmal zu Gesicht bekam. Eine Beschreibung ist zu kompliziert. Mir kamen auch hier wieder viele betrunkene Personen entgegen, die wohl eine durchzechte Nacht hinter sich hatten.
Ich kaufte mir ein Tagesticket und ging dann zu den Gleisen, wo die S-Bahnen abfahren sollten. Es war zwar Sonntagmorgen, doch das Verkehrsangebot war ausreichend, da jede S-Bahn, die vom Ostbahnhof in Richtung Westen fuhr, nach zwei Stationen den Alexanderplatz erreichte. So kam ich dort auch zeitig an. Der Halbmarathon sollte um 10:45 Uhr starten. Vorher waren die Starts von einigen anderen Halbmarathon-Disziplinen wie Handbiker und Inlineskater.
Start- und Zielgeraden waren zwar an verschiedenen Orten, jedoch lagen diese Orte beide in der Nähe des Alexanderplatzes. Auf der Suche nach dem Zielbereich, wo die Kleiderabgabe war, bat mich eine Fotografin um ein Foto. Ich erfüllte ihr den Wunsch, wobei ich vor mich meine Startnummer hielt. So konnte ich das Bild später im Internet wiederfinden. Nun ging ich zum Zielbereich und zog mich dort um. Dann gab ich meinen Kleiderbeutel in einem der vielen LKWs ab. Hierbei war die Startnummer entscheidend dafür, welcher LKW welchen Kleiderbeutel bekam. So sollte ein größeres Chaos vermieden werden.
Nun ging ich zum Startbereich, welcher neben dem Berliner Dom lag. Hier war es bereits schön voll. Laut Statistik waren bei den Läufern mehr als 22.000 Tausend an den Start gegangen. Vor lauter Menschen konnte ich von meiner Position, welcher relativ weit hinten lag, den Anfang des Feldes nicht mehr erkennen. Um 10:45 Uhr war zwar der Startschuss, aber damit ging das Rennen für mich noch nicht los: Das Starten der Läufer nahm genug Zeit in Anspruch, wer weiter hinten war, konnte nur in normalen Schritten vorwärts gehen. Es dauerte länger als zehn Minuten, bis ich endlich die eigentliche Startgerade erreichte und loslaufen konnte. An großartige Überholmanöver konnte jedoch zunächst nicht gedacht werden, denn der erste Streckenabschnitt auf der Straße „Unter den Linden“ war nicht breit genug. Es herrschte fast schon „Stau“. Nach einem Kilometer durchquerten wir das Brandenburger Tor und nun ging es auf der Straße des 17. Juni einmal komplett durch den Tiergarten. Hier war auf der linken Seite Platz, da die meisten Leute die rechte Spur benutzten. Die Siegessäule wurde links liegengelassen. Als wir den Ernst-Reuter-Platz erreichten, lag der Tiergarten hinter uns.
Das Wetter war abwechslungsreich: Es nieselte zwischendurch ein bisschen, was mich jedoch nicht störte. Unangenehmer war die Sonne, welche immer wieder zum Vorschein kam und deren am nassen Boden reflektierten Strahlen mich oft blendeten, denn ich hatte mich dazu entschieden, meine normale Brille anstatt der Sonnenbrille aufzusetzen.
Auf der Otto-Suhr-Allee wurde mir vor Augen geführt, wie eng es auf der Strecke zuging: Eine vor mir laufende Person hatte eine Sonnenbrille verloren, welche auf den Boden fiel. Sofort, als ich stehenbleiben und das Teil aufheben wollte, rempelte mich ein weiterer Läufer von hinten an, so dass ich den Hilfe-Versuch abbrechen und (wahrscheinlich) einem der am Rande stehenden zahlreichen Zuschauer überlassen musste, denn der Vorgang spielte sich am direkt neben dem Publikum ab.
Nach sechs Kilometern war der erste Erfrischungspunkt erreicht: Ich nahm mir einen Becher mit Wasser, den ich austrank und, wie die anderen Leute auch, auf den Boden warf. Die ersten hundert Meter nach jedem Erfrischungspunkt durfte ich daher durchgehend das Geräusch von zertretenen Plastikbechern vernehmen, denn der eigentliche Straßenboden war nicht mehr zu erkennen.
Am Schloss Charlottenburg bogen wir in südliche Richtung ab, wobei die Straßen hier wieder ziemlich eng waren. Nach elf Kilometern ging es wieder ostwärts auf dem Kurfürstendamm. Ich musste hier erschrocken feststellen, dass nur die linke Seite des Kudamms für uns Läufer gesperrt war, während auf der rechten Seite Autos fahren durften. Nach etwa 15 Kilometern begann ich, ein bisschen schneller zu laufen und startete einige Überholmanöver, was wegen dem großen Verkehrsaufgebot nicht einfach war.
Als ich den Potsdamer Platz überquert hatte, lag noch ein letzter Erfrischungspunkt auf der Strecke, den ich jedoch ausließ, da ich mein Tempo nicht drosseln wollte. Kurz bevor ich die Zielgerade hatte, hörte ich die Sirene eines Krankenwagen. Ich ging davon aus, dass einer der Läufer wohl zusammengebrochen war und behandelt werden müsste. Ich erfuhr erst am Abend, als ich wieder zu Hause war, aus dem Internet, dass es beim Berliner Halbmarathon bei einem Läufer einen Todesfall gegeben hatte.
Auf der Zielgeraden lief ich noch einmal so schnell ich konnte. Im Zielbereich bekam ich als erstes meine Medaille: Sie hing an einer blauen Schnur, war goldfarben und eckig. Auf der Vorderseite stand: „30. Berliner Vattenfall Halbmarathon, 28.3.2010“, auf der Rückseite war der Fernsehturm des Alexanderplatzes eingraviert. Ich ließ mich mit der Startnummer auf der Brust und der Medaille um den Hals fotografieren. Auch dieses Bild konnte ich später im Internet wiederfinden.
Als nächstes griff ich bei den Getränken zu. Es gab auch Bananen zu essen: Die Bananen waren zwar in Stücke geschnitten, aber nicht geschält. Die Läufer mussten selber Hand anlegen. Das Ergebnis kann man sich denken: Der Asphalt, auf dem wir standen, war nicht mehr zu sehen. Der Boden war überall mit Bananenschalen bedeckt.
Nach einigen Minuten fand ich das Zelt, wo ich den ausgeliehenen Champion-Chip zurückgeben konnte. Nun ging ich zum LKW und holte meinen Kleiderbeutel ab. Einige Meter entfernt waren die Duschen: Hierzu hatte man keine richtigen Gebäude benutzt, sondern auf der Straße einzelne Zelte aufgebaut. Es waren Wasserschläuche verlegt, die an die Decke gingen und von dort aus das Wasser verteilten. Der Boden war entsprechend dreckig. Ich ging in eines der Zeltes, wo im Vorraum Holzbänke standen, auf denen ich meine Sachen ablegen konnte. Es wäre mir lieber gewesen, diesen nicht gerade mit ausreichend Platz versehenen Duschgang zu vermeiden, doch im Ostel hatte man mir gesagt, dass ein Duschen nach dem Auschecken nicht mehr möglich war.
Als ich mich dann wieder umgezogen und das Zelt verlassen hatte, ging ich zur S-Bahn und fuhr zum Ostel zurück. Dort holte ich meine Tasche, welche ich dann mit einigen anderen Sachen zusammen im Schließfach beim Ostbahnhof zurückließ, denn mein Zug nach Hannover sollte erst um 17:30 Uhr losfahren und so hatte ich noch die Möglichkeit, mir ein bisschen Berlin anzuschauen. Das tat ich dann auch. Ich fuhr die Strecke der neuen „Kanzler-U-Bahn“ und über den Potsdamer Platz zum Kottbusser Tor. Ich aß bei McDonalds und dann fuhr ich zum Hauptbahnhof, wo der Zug über Wolfsburg nach Hannover ging. Außer mir waren noch einige weitere Halbmarathonläufer in diesem Zug.
Als ich spät abends zu Hause ankam, erfuhr ich aus dem Internet meine Netto-Zeit: 1:50:39h. Ich hatte mich also im Vergleich zu meinem letzten Lauf in Oldenburg um etwa drei Minuten verbessert. Die Brutto-Zeit betrug 2:01:00h, also ein Unterschied von mehr als zehn Minuten, was an der großen Wartezeit nach dem Startschuss gelegen hatte.
*Alle Namen geändert