Mittwoch, 6. Juli 2011

Halbmarathon Hamburg 2011-07-03

Der einundzwanzigste Halbmarathon meines Lebens.
Der Hella Halbmarathon in Hamburg.
Ich hatte in den Tagen zuvor im Internet aufmerksam die Wettervorhersagen verfolgt, da es mich interessierte, ob dieser reine Halbmarathon erneut – wie im letzten Jahr – bei 30°C stattfinden würde. Doch dies war nicht der Fall: Fünf Tage vor dem Event erfuhr ich aus den ersten Vorhersagen, dass der 3. Juli 2011 in eine kühlere Periode des Sommers fallen sollte. Erst am darauffolgenden Montag sollte es wieder wärmer werden. Für diesen Sonntag wurden schließlich 14°C bis 20°C vorausgesagt.
Die Strecke war exakt die gleiche wie im letzten Jahr, weshalb Startnummernausgabe und Ziel an verschiedenen Orten zu finden waren. Daher hatte ich ursprünglich vor, bereits am Samstag zur Rothenbaumchaussee zu fahren, um mir die Unterlagen abzuholen und dann am Sonntag direkt zum Start die U-Bahn nach St. Pauli zu nehmen. Doch es kam anders.
Als ich am Samstag gegen 15:30 Uhr den Metronom nach Bremen nehmen wollte, musste ich feststellen, dass dieser Zug ausfiel, da die Mitarbeiter der Metronom Eisenbahn AG streikten. Mit einem späteren Zug wäre ich nicht mehr rechtzeitig bei der Startnummernausgabe angekommen, da diese um 18:00 Uhr schließen sollte. So blieb mir nichts anderes übrig, als am Sonntag eben noch ein bisschen früher aufzustehen und dann in Hamburg erst zur Rothenbaumchaussee und von da aus nach St. Pauli zu fahren. Da am Bahnhof keine Metronom Mitarbeiter anzutreffen waren, konnte ich nicht erfahren, ob am Sonntag auch gestreikt werden sollte. Da ich mir aber vornahm, Sonntag früh bereits den Zug gegen 6:30 zu nehmen, dachte ich, gegen alle Streiks gewappnet zu sein. Wie sehr ich mi da irrte!
Am Sonntag stand ich um 5:30 Uhr auf. Meine Tasche war bereits gepackt und die konservierten Brote, welche ich am Vorabend geschmiert hatte, nahm ich aus dem Kühlschrank und steckte sie ebenfalls dazu. Dann verließ ich das Haus. Um kurz nach sechs Uhr nahm ich die Straßenbahn, mit welcher ich um kurz vor halb sieben Uhr am Hauptbahnhof in Bremen ankam.
Als ich die Bahnhofshalle betrat, musste ich auf der Anzeigetafel lesen, dass der ME nach Hamburg um 6:33 Uhr und der MEr, ein langsamerer Metronom, ebenfalls nach Hamburg, um 7:00 Uhr, beide ausfielen. An den Schuhen erkannte ich einen anderen Läufer, welcher scheinbar auch nach dorthin wollte und verzweifelt vor der Anzeigetafel stand. Ich sprach ihn an und wir stellten uns gegenseitig vor. Er hieß Dirk und kam aus Delmenhorst. Wir gingen gemeinsam zum Gleis und trafen da tatsächlich zwei Metronom-Mitarbeiter. Diese sagten uns, dass der MEr um sechs Uhr heute Morgen nach Hamburg gefahren sei und als nächstes der MEr um acht Uhr dorthin fahren werde. Also nur ein Viertel der Metronom-Züge war im Einsatz! Der Acht-Uhr-Zug würde um 9:23 Uhr am Hbf in Hamburg ankommen, um zehn Uhr sollte das Rennen starten. Wie sollte ich in der kurzen Zeit noch die Startunterlagen holen und vom Ziel- zum Startbereich fahren, wo doch auch die U-Bahnen in Hamburg sonntags nur alle zehn und die S-Bahnen nur alle 20 Minuten fahren?
Fernverkehrszüge gab es auch fast keine: Einer war um kurz vor sehcs Uhr nach HH gefahren und der nächste sollte um Viertel nach acht Uhr folgen. Hatte ich die 30Euro Startgebühren für den Halbmarathon etwa umsonst gezahlt? Würde ich sie zurückbekommen?
Ich frühstückte am Gleis mein erstes Brot und ging dann mit Dirk in die Halle zurück, wo wir warteten. Dabei überlegte ich, was jetzt zu tun sei. Der Intercity würde Viertelstunde nach dem MEr starten, aber in Hamburg trotzdem früher ankommen – wenn er keine Verspätung haben sollte. Alerdings würde mich die Fahrt mit diesem Zug Geld kosten. Ich ging zum Informationsschalter und ließ mir S- und U-Bahn-Verbindungen ausdrucken, mit denen ich, falls ich den IC bis Hamburg-Dammtor nehmen sollte, schnell zur Startnummernausgabe und von dort zum Startbereich gelangen würde. Ich wollte abwarten, ob der IC verspätet in Bremen ankommen würde. Sollte dies der Fall sein, so würde ich den MEr nehmen, ansonsten den IC.
Ich unterhielt mich mit Dirk über unsere Lauferlebnisse und die Zeit verging relativ schnell. Da der IC tatsächlich keine Verspätung haben sollte, beschloss ich, das Wagnis einzugehen und Geld für diese Fahrt auszugeben, in der Hoffnung, damit den Tag noch retten zu können.
Dirk verabschiedete sich von mir, da er selber den MEr nahm und dieser um acht Uhr losfuhr. Gegen 8:10 Uhr buchte ich das Ticket für den Intercity; ich zahlte bis Hamburg-Dammtor stolze 18,75Euro. Doch der Zug war zum Glück pünktlich und erfuhr auch auf der Fahrt nach Hamburg keine Verspätung. Ich aß unterwegs das zweite mitgebrachte Brot und zog meine Laufkleidung an. Darunter waren auch die neuen Schuhe, die ich drei Wochen zuvor erworben hatte.
Am Dammtor stieg ich aus und suchte zunächst die Toilette auf, um meine Notdurft zu verrichten. Dann ging ich den Fußweg zur U-Bahnhaltestelle Stephansplatz, wo um 9:31 Uhr die U-Bahn eine Station zur Hallerstraße fuhr. Wie war sowohl der Zielbereich als auch die Startnummernausgabe. Diese sollte eigentlich um 9:30 Uhr schließen, aber die freundlichen Mitarbeiterinnen gaben mir noch die Nummer, Stecknadeln sowie den Chip zur Zeitmessung, den ich nachher wieder abzugeben hatte. Die Markierung meiner Tasche, die ich direkt dort abgeben konnte, übernahmen die beiden Damen auch, sodass ich sofort zur Bushaltestelle laufen konnte, wo ich die Linie 15 bis Schlump nehmen und von dort aus mit der U-Bahn nach St. Pauli fahren konnte. Der Verkehr der Shuttle-Busse, die die Läufer von der Startnummernausgabe zum Starbereich fuhren, sollte auch gegen 9:30 Uhr eingestellt werden. Zu meiner Überraschung sah ich jedoch noch einen der Busse, in welchen einige Leute mit Startnummern auf der Brust, also Läufer, einstiegen. Ich stieg sofort auch ein, nachdem der Fahrer mir bestätigt hatte, dass er uns nach St. Pauli bringe. Damit war ja alles gutgegangen! Die Fahrt, während welcher ich mir die Startnummer ans Trikot heftete und den Chip an die Schnürsenkel band, dauerte nicht lange, und so kamen wir noch zehn Minuten vor dem Startpfiff an der Reeperbahn an. Ich war überglücklich!
Das Wetter auch mitzuspielen. Es war gegen 15°C und so bewölkt und neblig, dass ich auf die Sonnenbrille ganz verzichtet hatte. Es regnete nicht, sondern tröpfelte nur ein bisschen.
Den Halbmarathonläufern standen beide Fahrbahnen der Reeperbahn als Startgeraden zur Verfügung. Ich stand relativ weit vorne, als es zehn Uhr war. Aber der Startschuss verzögerte sich noch ein bisschen. Wartete man etwa auf die Läufer aus Bremen und Umgebung?
Nach wenigen Minuten ging es doch los. Ich stellte meine Uhr ein, als ich Startgerade überquerte, denn bei diesen Temperaturen war es für mich nicht ganz ausgeschlossen, einen neuen persönlichen Rekord aufzustellen.
Begleitet von Trommelmusik ging es in westlicher Richtung die Reeperbahn entlang. Nach einem Kilometer war diese Partymeile zu ende und in ein Wohnviertel verwandelt. Da ich beim Start relativ weit vorne im Läuferfeld gestanden hatte, musste ich zunächst wenig überholen. Kurz vor Altona befand sich die erste Verpflegungsstation, an der ich ein Glas Wasser zu mir nahm. In Altona wendete der Kurs in zwei scharfen Linkskurven die Richtung. Nun ging es an der Elbe entlang zurück Richtung St. Pauli. Bevor die Landungsbrücken erreicht wurden, führte der Kurs relativ steil bergab. Hier bremste ich in keinster Weise ab, sodass ich einige Leute überholen musste. Wegen des Wetters waren diesmal weniger Zuschauer an den Landungsbrücken als letztes Jahr. Trotzdem war es auch jetzt richtig laut. Ich merkte, dass mein rechtes Knie Probleme zu machen begann, was mir Sorgen machte. Sollte der Schmerz größer werden, so drohte mir ein Abbruch des Rennens. Zum Glück blieb dieser Schmerz bis kurz vor Erreichen des Ziels auf seinem jetzigen Level. An der S-Bahn-Haltestelle Landungsbrücken bogen wir links ab, um wieder die Reeperbahn zu erreichen. Hier war eine zweite Versorgungsstelle, wo ich wieder ein Glase Wasser zu mir nahm. Überhaupt ließ ich keine einzige Versorgungsstelle aus. Die Tatsachen, dass der Boden an diesen Stellen kaum mit weggeworfenen Bechern bedeckt war und an den Versorgungsständen die gefüllten Becher in Massen nebeneinander standen zeigten mir, dass ich mich wirklich weit vorne im Läuferfeld befinden musste.
Als die Startlinie das zweite Mal überquert wurde, war nur noch die linke Spur für die Läufer vorhanden. Da das Feld aber inzwischen dünner geworden war, wurde es hier nicht eng. Diese erste Runde war fünf Kilometer lang gewesen.
Ich lief an den Eingängen zu den unterirdischen Haltestellen Reeperbahn und Königstraße vorbei nach Altona, machte dort die Schleife und lief über die Landungsbrücken zurück. Nun ging es an der gleichnamigen S-Bahn-Haltestelle geradeaus in Richtung Innenstadt. Links oberhalb von uns war das Gerüst der U-Bahn-Linie zu sehen. Hier wurde der Kurs wieder ein bisschen enger, da die von der belaufenen Straße die eine Seite gerade Bauarbeiten unterzogen war.
Als ich das Schild von Kilometer zehn passierte, schaute ich auf die Uhr. Ich war gerade einmal 46 Minuten unterwegs gewesen. Zehn Kilometer in 46 Minuten! Wenn ich so weitermachte, war für mich eine neue Bestzeit möglich.
Bevor der Hauptbahnhof erreicht wurde, folgte eine Abzweigung nach links in die unterirdische Passage. Letztes Jahr war es angenehm, hier für einige hundert Meter nicht den Strahlen der Sonne ausgesetzt zu sein. Als wir wieder die Erdoberfläche erreichten, lag der Hauptbahnhof hinter uns und wir zweigten zunächst rechts und dann links ab, um an der Nordseite des Jungfernstiegs parallel zur Bahnlinie zwischen Hbf und Dammtor wenige hundert Meter zu einem Wendepunkt und von dort aus parallel zur Bahnlinie wieder zurück zu laufen. Dann ging nach links, um in nördlicher Richtung die Außenalster abzulaufen.
Inzwischen hatte ich 15 Kilometer hinter mir und der Zustand meines Knies war noch immer stabil. Die Gegend hier war sehr schön: Wir hatten keine lärmenden Autos in der Nähe und links von uns lag eine kleine Wiese hinter der das Alsterwasser mit Segelbooten befahren wurde.
Der Zielbereich lag auf der anderen Seite der Alster, westlich von ihr. Da es auf den letzten Kilometern aber mehrere Rechts- und Linkskurven gab, verlor ich vollkommen die Orientierung. Nach 20 Kilometern schaute ich wieder auf die Uhr: Ich hatte für die letzten zehn Kilometer nur 45 Minuten benötigt. Wenn jetzt nichts Unvorhergesehenes passierte, so war mir die neue Bestzeit nicht mehr zu nehmen. Leider verstärkten sich jetzt die Schmerzen im Knie und ich begann sogar leicht zu hinken. Das hinderte mich aber nicht daran, meine Geschwindigkeit beizubehalten. Der letzte Kilometer befand sich auf einer langen Geraden. Ein Streckenposten rief uns zu: „Noch 500 Meter!“ Dies wäre allerdings nicht nötig gewesen, denn ich konnte den aufgebauten Zielbogen jetzt schon erkennen. Der laute Jubel der Zuschauer ließ mich meine Geschwindigkeit noch einmal erhöhen, und als ich die Ziellinie überquerte konnte ich dort lesen, dass die Bruttozeit bei wenig über 1:36h war. Ich hatte definitiv meinen bisherigen Rekord um einige Minuten verbessert.
Im Zielbereich nahm ich von jedem Getränk, das vorhanden war, einen Becher: Wasser, Iso, ACE und Apfelsaftschorle. Dann kam ich zur Medaillenausgabe. Das diesjährige Exemplar war dem letztjährigen extrem ähnlich, nur die Schrift war leicht verändert und das Datum natürlich angepasst. Außerdem hing die Medaille diesmal an einem weiß-blauen anstatt an einem weiß-orangenen Band.
Ich holte meine Tasche ab. Diese befand sich dort, wo ich sie auch abgegeben hatte. Die Taschen der Läufer, die sie im Startbereich abgegeben hatten, waren dagegen auf den bereitgestellten LKWs zu finden.
Nun suchte ich den Duschbereich auf, welcher nicht einfach zu finden war, obwohl er sich noch an der gleichen Stelle befand wie im letzten Jahr. In den Umkleiden war es zwar schon sehr eng, aber bei der Dusche musste ich nicht anstehen. Nachdem ich mich umgezogen hatte, ging ich zur U-Bahn-Haltestelle Hallerstraße. Ich spürte nun deutlich die Muskelschmerzen in den Beinen und am rechten Knie. Zum Glück habe ich nun eine fünfwöchige Pause vor mir, was das Laufen von Wettkämpfen angeht.
Über Dammtor und den Hauptbahnhof kam ich mit der S-Bahn nach Harburg. Ich musste hier feststellen, dass weiterhin nur ein Viertel der Metronomzüge nach Bremen verkehrte. Und dieser eine von vier Zügen war nun viermal so gefüllt wie gewöhnlich. Daher zog ich es vor, 17,25Euro für ein Ticket auszugeben, um auch die Rückfahrt mit dem Intercity anzutreten. So fand ich sogar noch einen Sitzplatz für die Heimfahrt. Gegen halb vier Uhr kam ich glücklich zu Hause an. Auch wenn der Tag alles andere als gut angefangen hatte, meine zusätzlichen Ausgaben hatten sich durchaus gelohnt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, an einem Halbmarathon, der Anfang Juli stattfindet, meine persönliche Bestzeit um mehrere Minuten zu unterbieten.